Kultur : Die Schlacht am Horizont

Meer ist Farbe: Das Van Gogh Museum Amsterdam zeigt die Marinebilder Edouard Manets

Bernhard Schulz

Edouard Manet (1832 – 1883) erfuhr vom Kampf der beiden Schlachtschiffe „Alabama“ und „Kearsarge“ vor der Hafenstadt Cherbourg aus der Zeitung. Dabei handelte es sich um einen eher bizarren Vorfall des amerikanischen Bürgerkrieges. Das Unionsschiff „Kearsarge“ konnte den jahrelang marodierenden Dampfsegler der Konföderierten, „Alabama“, just vor der französischen Küste stellen und versenken. Unmittelbar erkannte Manet die Möglichkeit, ein modernes Historienbild zu malen, wie es Théodore Géricault mit dem skandalträchtigen „Floß der Medusa“, der Schilderung einer Katstrophe der französischen Marine, 1819 vorgemacht hatte.

Manets Komposition „Die Schlacht zwischen der U.S.S. Kearsarge und der C.S.S. Alabama“ von 1864 beruht auf Augenzeugenberichten und schwelgt in exakten Details. Doch das Ereignis spielt sich im oberen Bilddrittel ab. In der Bildmitte dominiert stattdessen das grünblau-grauschwarze Meer. Die Indifferenz Manets gegenüber einem traditionell als „heroisch“ darzustellenden Ereignis bezeichnet die neuartige Sicht des Großstädters, für den auch Nachrichten Teil seiner Unterhaltung darstellen.

Das Gemälde eröffnet die Reihe der Marinebilder Manets. Rund vierzig schuf der Maler insgesamt, dreißig sind jetzt in der Ausstellung „Edouard Manet. Meeresimpressionen“ vereint, die das Amsterdamer Van Gogh Museum aus Philadelphia und Chicago übernommen hat. Erstmals werden die maritimen Szenen Manets eigens gewürdigt. Manet und das Meer ist eine unerwartete Kombination bei diesem prototypischen „Maler des modernen Lebens“ – mit dem Wort Baudelaires –, mithin des Lebens und Treibens des Pariser Bürgertums.

Landschaft spielt in Manets Œuvre keine Rolle, es sei denn als Hintergrund der Freizeitvergnügen, wie sie die Impressionisten so gern festhielten. Insofern überrascht die Vielzahl der Marinebilder, die sich auf immerhin ein Zehntel des Gesamtwerkes summieren. Allerdings hatte Manet als 16-Jähriger zur See fahren wollen. Er fiel jedoch zwei Mal durch die Aufnahmeprüfung der Offiziersschule. Dazwischen lag eine viermonatige Passage nach Brasilien, die dem zeichnerisch begabten Jüngling lebenslangen Respekt für die Seefahrt mitgab.

Manet wird gern als „Vater des Impressionismus“ etikettiert. Tatsächlich aber oszilliert sein Werk zwischen der optischen Revolution des Impressionismus und den tradierten Werten der Akademie. Manet hat an keiner der Gruppenausstellungen teilgenommen, die den Impressionismus in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts etablierten. Stattdessen wollte er stets zum offiziellen „Salon“ zugelassen werden, der das Entréebillet in die Gesellschaft bedeutete. Dort zeigte Manet das Seestück „Kearsarge und Alabama“, wenngleich erst 1872.

Knapp ein Jahrzehnt später nahm sich Manet erneut eines spektakulären Ereignisses auf See an, der Flucht des linksgerichteten Publizisten Rochefort aus politischer Gefangenschaft in einer französischen Überseekolonie mit einem Ruderboot. 1880 kehrte Rochefort im Zuge einer Amnestie nach Frankreich zurück und veröffentlichte ein Buch über seine abenteuerliche Flucht. Das Gemälde mit diesem Sujet, „Die Flucht des Henri Rochefort“ – in Format und Anlage dem „Kearsarge“-Bild auffallend ähnlich –, wollte Manet 1881 beim Salon ausstellen, nahm dann aber Abstand und ließ das Gemälde – wie so viele – unvollendet.

Zwar füllt das Ruderboot die Bildmitte, doch wiederum ist das bewegte Meer der eigentliche Bildgegenstand. Das rettende Segelschiff, das die Erzählung vervollständigt, nicht aber malerisch unabdingbar wäre, dümpelt am oberen Bildrand.

Die beiden Gemälde bilden Anfang und Ende der Amsterdamer Ausstellung. Zwischen ihnen entfaltet sich die zwar chronologische, gleichwohl hinsichtlich der malerischen Entwicklung diskontinuierliche Abfolge der Manetschen Marinebilder. Breiten Raum widmet die Ausstellung der Frage des Verhältnisses Manets zu den antiakademischen Zeitgenossen, zum einen Courbet und Whistler, zum anderen den aufkommenden Impressionisten, insbesondere Claude Monet. Von ihnen sind zahlreiche Arbeiten zu sehen, die – bemerkenswert genug – vor allem die überlegene, kompromisslose Modernität des Einzelgängers Manet belegen.

Er machte sich erst spät, nach dem preußisch-französischen Krieg von 1870/71, die Technik der Freilichtmalerei zu eigen, und auch das nur für kleinformatige, allerdings hinreißend spontane Studien. Seine Hauptwerke entstanden stets im Atelier. Manet wählte für die Seebilder häufig eine Vogelperspektive, die den Horizont an den oberen Bildrand rückt, das Spiel der Meereswellen und das Changieren ihrer grün-blau-grauen Farben hingegen zum Hauptgegenstand machte.

Ausstellung und Katalog folgen dieser Binnenperspektive; sie zeigen, zu welch neuartigen, souveränen Bildfindungen Manet gelangte. Dampfschiffe werden zu schwarzen Kürzeln, Segel zu pastosen Flächen. Grandios ist das Gemälde „Mondlicht, Boulogne“ von 1868 – eine Etude in der alles verschluckenden Nicht-Farbe Schwarz, die Manet, anders als die lichthungrigen Impressionisten, bevorzugte. Doch auch in dieser nocturne springt ein rötlicher Fleck ins Auge, der Feuerschein eines Fabrikschornsteins – Beleg für Manets scharfe Beobachtung der Industrialisierung seiner Zeit.

Diesen Grundzug seiner Malerei und der zugrunde liegenden Wirklichkeitsauffassung hätten Ausstellung und vor allem Katalog deutlicher machen sollen. Manet auf die Neuerfindung der See-Malerei einzuengen, hat den bloßen Augenschein seiner flaschengrün leuchtenden Darstellungen des Wassers und seiner Bewegtheit für sich – und übersieht dabei, dass Manet stets die Realität seiner als grundstürzend neu und modern empfundenen Welt im Blick hatte. Drei Jahre nach dem „Kearsarge“-Schlachtenbild malte er die Erschießung des mexikanischen Kaisers Maximilian – wiederum ein „modernes Historienbild“ und erneut ein Skandal.

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