Kultur : Die Schlange über der Autobahn Eine Ausstellung zum 80. von Georg Heinrichs

Michael Zajonz

Mit seinem Leben, seiner Karriere ist er im Reinen. „Ich geniere mich immer noch nicht“, so Georg Heinrichs, der Berliner Architekt. Der 80-Jährige sagt es über die 1976 bis 1982 errichtete Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, in all ihrem Fortschrittsglauben ein typisches Produkt ihrer Zeit. Wie bei jeder guten Architektur steckt der Teufel im Detail. Und im Konzept. Bei Heinrichs stimmt beides: Farbige Wandflächen und Eingangsbereiche und die dramatisch ansteigende Linie der zum Zentrum hin gestaffelten Geschosse machen aus den 2200 Wohnungen der „Schlange“ eines der markantesten Bauwerke Berlins: Space-Age-Architektur, die es so weder in London noch in Tokio gibt. Und die ihre Bewohner mögen. Wie das Märkischen Viertel, für das Heinrichs mit seinem Büropartner Hans Christian Müller und Werner Düttmann, dem Architekten der Akademie der Künste am Hanseatenweg, das städtebauliche Konzept entwickelt hat. Eine Satellitenstadt mit Charakter.

Die Kunsthistoriker Thomas Steigenberger und Alexander Hoff würdigen Heinrichs, der seinen Nachlass der Berlinischen Galerie vermachen wird, ebendort mit einer konzisen kleinen Ausstellung: elf Projekte aus West-Berliner Wiederaufbaujahren, darunter vier Wohnhäuser der Nachkriegsmoderne. Das Schönste entstand 1960 für den Tagesspiegel-Begründer Walter Karsch in Schlachtensee. Das Haus kann auch in einem Film von Steigenberger und Hoff bewundert werden. Er zeigt Heinrichs als Zeitzeugen einer Architekturepoche, die heute durch Verwahrlosung und Abriss bedroht wird. Und als Kunstsammler von Graden. Heinrichs, der bei Wils Ebert an der Hochschule für Bildende Künste studiert und bei der Interbau 1957 für Alvar Aalto gearbeitet hat, lebt inmitten von Kunst, die seinem Ideal von Modernität entspricht: ein Parcours durch das konstruktiv-konkrete 20. Jahrhundert, von Oskar Schlemmer und Le Corbusier bis Frank Stella und Richard Smith.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, bis 27. August. Täglich 10–18 Uhr.

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