Kultur : Die Schleier der Scharia

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Von Elke Windisch

„Allah, der mir Schönheit verliehen hat, kann nicht wollen, dass ich sie verstecke.“ Mit diesen Worten wehrte sich Sokaina, die Urenkelin des Propheten, gegen islamische Tugendwächter, die ihr den Schleier aufzwingen wollten. Ohne Erfolg – obwohl der Koran, den Mohammed Wort für Wort von Allah empfangen haben will, von Frauen lediglich unanstößige Kleidung verlangt. Doch das war im frühen achten Jahrhundert in der Macho-Gesellschaft der Omayyaden-Kalifen bereits Interpretationsfrage: Knapp 20 Jahre nach dem Tode Mohammeds überrannten dessen Reiterheere den Iran und fegten die vom Wohlleben degenerierten Sassaniden vom Pfauenthron. Schon bald aber fanden die Sieger – Beduinen und Seeräuber von der arabischen Halbinsel – Geschmack an der verfeinerten Kultur der Besiegten. Auch an Harem und Schleier, mit denen iranische Gottkönige ihre Gemahlinnen schon tausend Jahre vor Mohammed den Blicken des gemeinen Volkes entzogen.

Seit Orient und Okzident vor über dreizehnhundert Jahren zum ersten Mal aufeinanderprallten, ist das Verhältnis beider Kulturen durch eine Reihe von gegenseitigen Irritationen, Irrtümern, Missverständnissen und Fehlinterpretationen geprägt, die durch die globale Vernetzung der Zivilisation eigenartigerweise nicht etwa abgebaut wurden, sondern sich eher noch verschärft haben. Der Schleier und dessen regionale Modifi- kationen sind da nur eine Facette.

Nach wie vor bestimmt das angebliche Ziel der mittelalterlichen Kreuzzüge – die Befreiung des Heiligen Grabes – im Westen die Deutung des „Dschihad“, den das christliche Abendland sich mit „Heiligem Krieg“ übersetzt. Für die damals Angegriffenen – Muslime – bedeutet der Begriff dagegen in erster Linie Selbstreinigung und -erkenntnis.

Auch die Scharia, das kanonische islamische Recht, reduziert der Westen gemeinhin auf Körperstrafen, deren Anwendung selbst bei orthodoxen Muslimen umstritten ist. Sogar die radikalen Moslembruderschaften fordern lediglich die Einhaltung des Korans. Die vom Westen zu Unrecht in die extremistische Schmuddelecke sortierten Ismailiten, eine Seitenrichtung der Schia, die Elemente der Lichtreligion Zarathustras bewahrt hat, unterscheiden gar zwischen ewigen und zeitlich begrenzten Verkündigungen. Erstere enthalten ethische Grundsätze, die mehrheitlich auch Christen und Juden unterschreiben könnten ; sie will der Prophet in Mekka empfangen haben, letztere nach der Flucht nach Medina, wo er zum Scheich gewählt wurde. Damit aber übernahm Mohammed, anders als Jesus oder Buddha, die sich bei der von ihnen gepredigten sozialen Gerechtigkeit bewusst mit der Rolle eines geistlichen Führers beschieden, auch politische Verantwortung. Und beschwor so die Krise seiner Religion in der komplexen und arbeitsteiligen Gesellschaft der Moderne herauf.

Damals wurde jener fatale Präzedenzfall geschaffen, der bis heute in islamischen Ländern die Trennung von Staat und Kirche und das Entstehen einer unabhängigen Justiz erschwert. Auch in Afghanistan, das bis 1964 absolute Monarchie war, rang König Zahir Schah sich 1946 nur zu einer halbherzigen Justizreform durch: Den Platz der Ulema – an islamischen Hochschulen ausgebildete Richter – nahmen fortan zwar weltliche (Qasi) ein. Doch für deren Ausbildung war die Scharia-Fakultät der staatlichen Universität von Kabul zuständig. Sie war auch federführend bei der Anpassung bürgerlichen Rechts an das islamische. Dessen Monopol wollten schon 1925 Reformkönig Amanullah mit der Einführung eines an Europa orientierten Code civil brechen. Ein Versuch, der ihn vier Jahre später Leben und Thron kostete.

Mohammed, dem in Medina Regelungen abverlangt wurden, die Privatleben und Organisation des Gemeinwesens neu ordnen sollten, stand dazu nur das Gewohnheitsrecht der Oase zur Verfügung, fernab der großen Handelsrouten und damit ohne Kontakt zu Hochkulturen, aus denen Religionsstifter vor ihm schöpften.

Ein Dilemma, vor dem sogar Saudi-Arabien und Khomeini bei ihren Bemühungen, die Scharia möglichst rigoros durchzusetzen, kapitulierten: Weil allein in Teheran die Einwohnerzahl im ersten Jahrzehnt nach der islamischen Revolution von zwei auf zwölf Millionen stieg, stritten die Mullahs schon in den letzten Lebensmonaten Khomeinis für die dem Islam eher fremden Segnungen der Geburtenkontrolle. In den Randgebieten des Islam konnten sich Dogmen und Scharia ohnehin erst nach Konzessionen an lokales und tribales Gewohnheitsrecht behaupten, das bei Kollisionen bis heute Priorität hat: im Kaukasus das Adat, in Afghanistan das Paschtun wali. Beide bestrafen eine Reihe von Verbrechen, etwa Ver- und Entführung von Frauen oder Meuchelmord, drakonischer als die Scharia und stehen zu dieser zuweilen in direktem Widerspruch. Der Koran verbietet Zinswucher ausdrücklich und lässt an Steuern nur das Zakat zu – eine 2,5-prozentige Armenabgabe. Dennoch kassierten die Taliban das Ushr, eine Landwirtschaftssteuer von 20 Prozent, und nahmen für Kredite bis zu 100 Prozent. Nicht gedeckt vom Koran ist zudem die Klitorisbeschneidung, heute vor allem in Afrika üblich, im Mittelalter aber auch bei den – damals christlichen – Tschetschenen.

Streng genommen ist die Scharia ohnehin nur eine Fiktion. Allein der sunnitische Islam, dem 90 Prozent der Muslime anhängen, kennt vier sehr unterschiedliche Rechtsschulen. Die am weitesten verbreitete hanefitische ist zugleich die toleranteste, die auch nur ein Minimum an Staat will und tägliche Entscheidungen Stämmen und Gemeinden überlässt. Ein Konstrukt, das einst die lose organisierten Staatenbünde Zentralasiens, darunter auch Afghanistan, zusammenhielt und ethnische Konflikte in Vielvölkerstaaten wie dem Osmanischen Reich oder Iran auf ein Minimum reduzierte. Beides wurde durch die unkritische Übernahme westlicher Modernisierungskonzepte in Frage gestellt, wie sie die Jungtürken, die iranische Pahlevi-Dynastie und Afghanistan im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts betrieben.

Die Pahlevis ließen die Iranerinnen zwar an Universitäten und später bei Wahlen zu, tasteten das für Frauen unvorteilhafte Scheidungsrecht jedoch nicht an. Die europäische Kleiderordnung ruinierte durch Billigimporte die einheimische Textilindustrie. Die „Weiße Revolution“ hob 1963 zwar die Leibeigenschaft auf, entband die Grundherren aber auch von der islamischen Fürsorgepflicht für die ehemaligen Hörigen, die zu Tausenden in den Slums der Großstädte strandeten.

„Niemals“, warnte Ayatollah Ali Schariati, damals Wortführer der Liberalen in der Anti-Schah-Bewegung, „können die Muslime sich aus der Schuldknechtschaft des Westens befreien, wenn sie sich nicht auf dynamische Kräfte der eigenen Kultur besinnen.“ Gleichzeitig aber müsse der Islam um seiner selbst wieder fähig werden, von fremden Kulturen zu lernen. Erst Schariatis Ermordung durch den iranischen Geheimdienst spülte den Fundamentalisten Khomeini an die Spitze der Bewegung.

Nicht die Hardliner, sondern der Geist des aufgeklärten Ayatollah Schariati habe die Afghanen unlängst auf der Loya Jirga, der großen Stammesversammlung, bewogen, für islamische Werte zu optieren. Das jedenfalls hoffen heute in Kabul Frauen wie Wahida, eine Architektin im Ministerium für Städteplanung . Inschallah- so Gott will.

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