Kultur : Die Schmerzensreiche

Mexikos mythische Malerin: Frida Kahlo in der Tate Modern London

Nicola Kuhn

Andächtige Stille. Nur Schritte sind zu hören und dann und wann ein geflüstertes „Sorry, please“. Im vierten Stock der Londoner Tate Modern wird ein Hochamt zelebriert. Ergriffen schreiten die Besucher von Bild zu Bild. In der Mehrzahl ist das Publikum weiblich, jung. Alle sind sie gekommen, um einer Ikone der Kunstgeschichte ihre Reverenz zu erweisen und um endlich im Original zu sehen, was in Zeitschriften und Filmen, ja sogar in der Mode bereits millionenfach reproduziert worden ist.

Londons wichtigstes Museum für zeitgenössische Kunst präsentiert eine FridaKahlo-Retrospektive. Es ist der Kassenschlager der Saison, das steht schon wenige Tage nach der Eröffnung fest. Die Zeitungen sind voll mit Artikeln über Frida, wie sie hier vertraulich genannt wird: Sie erläutern, warum die Mexikanerin mit den markanten Augenbrauen auch heute noch zur Kultfigur taugt (extravagante Kleidung, legendäre Parties, berühmte Liebhaber) und was Popstars wie Madonna und Skandalkünstlerinnen wie Tracey Emin an ihr finden (die große Leidenschaft, die Selbstüberwindung). Außerdem informieren sie über den aktuellen Stand ihrer Auktionspreise (über eine Million Dollar). Den größten Popularisierungsschub hat der Malerin kürzlich die ebenfalls mexikanische Schauspielerin Salma Hayek verschafft: mit der Oscar-gekrönten Hollywood-Verfilmung ihrer Biografie unter der Regie von Julie Taymour.

Wer die Künstlerin Frida Kahlo kennen lernen will, muss erst einmal viele andere Fridas beiseite schieben. Vermutlich wird man nie ganz zum Kern vordringen, denn immer wieder drängen sich schicksalhafte Begebenheit en dazwischen: das dramatische Busunglück, durch das sie zum Malen kam und an dessen Folgen die Künstlerin bis zu ihrem Tod im Alter von 47 Jahren laborierte. Oder die Ehe mit dem Maler Diego Rivera, den sie als den zweiten großen Unfall ihres Lebens bezeichnete. Vielleicht ist es ja auch nur eine Projektion, dieses heiße, reine, kreative Verlangen, wie es Kahlo immer wieder zugeschrieben wird. Denn in ihrem Werk sind Biografie und Kunst, Persönliches und Politisches untrennbar miteinander verschränkt. Diese Melange machte sie zur Frontfrau für den Feminismus und brachte ihr bis heute den Argwohn der Kunsthistoriker ein. Nur so ist zu erklären, warum der zweifellos bekanntesten mexikanischen Künstlerin erst über 50 Jahre nach ihrem Tod in Großbritannien eine eigene Ausstellung gewidmet ist.

Die Tate-Kuratorinnen Emma Dexter und Tanya Barson gehen wohltuend nüchtern an ihre Aufgabe heran. Sie lassen sich nicht mitreißen von dem Pathos, das noch jedes Kahlo-Event umweht. Stattdessen versuchen sie, das Werk der Autodidaktin, die jede akademische Ausbildung ablehnte, kunstgeschichtlich einzuordnen. Denn bis heute gilt sie als naive Malerin, die spontan auf Leinwand bannte, was ihr gerade in den Sinn kam. Die Ausstellung weist jedoch nach, dass Kahlo die künstlerischen Strömungen ihrer Zeit sehr gut kannte und aufgriff. So sind ihre frühen Werke von der Neuen Sachlichkeit inspiriert, später versuchten die Surrealisten sie einzugemeinden: Mit dem Doppelselbstbildnis „Die zwei Fridas“ (1939), das eine mexikanisch und eine europäisch gekleidete Kahlo auf einer Bank sitzend zeigt, wurde sie auf der großen Pariser Surrealisten-Ausstellung schlagartig bekannt. Aber die Künstlerin blieb ihrem eigenen Weg treu.

Die Wendung zum sehr persönlichen Stil hatte sich 1932, also wenige Jahre zuvor, mit der schmerzhaften Erfahrung einer Fehlgeburt während eines AmerikaAufenthalts vollzogen. Erneut lenkte die Malerin ihren Schmerz in kreative Bahnen um. In dem wenige Zentimeter großen Ölgemälde, das den schlichten Titel „Henry Ford Hospital“ trägt, taucht erstmals das Ex-voto-Motiv aus den Heiligenbildern auf. Vom Leib der nackt auf dem Krankenbett liegenden Künstlerin gehen sechs rote Linien aus, die zu einem Fötus, einer Schnecke und einer Lilie führen. Kahlo bedient sich hier der katholischen Ikonografie, ähnlich wie sie später Motive der mexikanischen Volkskunst adaptieren wird. Die kämpferische Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft, dem indianischen Erbe, und der agitatorische Impetus der überzeugten Kommunistin haben immer wieder zur Skepsis gegenüber ihrem Werk Anlass gegeben.

Zerstreuen kann die Ausstellung, in der mit 70 Arbeiten – Ölgemälden, Aquarellen, Zeichnungen – fast die Hälfte des schmalen Œuvres versammelt ist, diese Zweifel nicht. Zwar beeindrucken die intensiven Selbstporträts, in denen sich Kahlo mit Affen oder Schmetterlingen vor exotischen Blättermotiven inszeniert. Die exzessive Auseinandersetzung mit dem geschundenen Körper, die künstlerische Verarbeitung von über 40 Operationen, permanenter Schmerzerfahrung, die Tortur eines Stahlkorsetts aber bleibt ein individuelles Erlebnis. Die beinahe exhibitionistische Darstellung dieses Leidens bedient auch ein voyeuristisches Bedürfnis des Kunstpublikums.

Am Ende vermischen sich die Tragödie eines Lebens und die Popularisierung eines gelegentlich überschätzten Werks. Man muss wohl doch zu den gläubigen Fans von Frida Kahlo gehören, wenn man der vielen gemalten Tränen, der stets verhangenen Augen und des ständig wechselnden Kopfschmucks nicht überdrüssig werden will.

Tate Modern, bis 9. Oktober; Katalog 20 Pfund.

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