Kultur : Die Schmutzigen, die Hässlichen, die Mutigen

Die deutschen Schauspieler Sandra Hüller, Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel holen Silberne Bären. Nur ihre Filme gehen leer aus

Christina Tilmann

Ein Trostpreis? Oder doch die eigentliche Ehrung? Mag die internationale Jury um die britische Schauspielerin Charlotte Rampling die deutschen Regisseure im Wettbewerb auch konsequent mit Nichtachtung gestraft haben – die deutschen Schauspieler hat sie ebenso konsequent geehrt, mit allen vergebenen Darstellerpreisen. Und zu Recht. Was wären alle deutschen Filme ohne ihre Darsteller? Was Hans-Christian Schmids „Requiem“ ohne die schmale, rothaarige Sandra Hüller, die so entschlossen, unbedingt und unendlich verletzlich durch den Film geht, dass wir – mit ihr – am Ende fast an Dämonen glauben, weil sie daran glaubt? Ein sorgfältig rekonstruierter Kriminalfall aus der deutschen Provinz: So wird er ein Herzensding.

Oder „Der freie Wille“, Matthias Glasners provokantes Psychospiel: was wäre es ohne den als Schauspieler, Koproduzenten und Autor mit einem Silbernen Bär für die herausragende künstlerische Leistung bedachten Jürgen Vogel, der sich die Rolle des rückfälligen Vergewaltigers Theo so schonungslos zu eigen macht: „Seht her, so viel von einem Vergewaltiger steckt in mir“, sagt sein Spiel.

Mit Moritz Bleibtreu, ohnehin ein Liebling von Publikum und Kritik, steht es, wenn auch etwas harmloser, ähnlich: Sein Bruno in Oscar Roehlers Houellebecq-Verfilmung „Elementarteilchen“ ist ein trauriger Jedermann, ein ärmlicher, schmieriger Wicht, sexbesessen, einsam, liebeshungrig – und trotzdem eine Identitätsfigur, längst nicht so zynisch wie die Buchvorlage. Wo Jürgen Vogel alle negative Energie, Wut und Zerstörungskraft aus sich herausholt, verwandelt Bleibtreu allen Ekel in Mitgefühl. Schon für ihren Mut haben die drei Schauspieler ihren Preis unbedingt verdient.

Die Idealistin, das Monster, der Außenseiter: Täter und Opfer spielen sie alle, in unterschiedlichen Graden. Sehr ungeschminkt, ungeschützt. Schauspieler, die die Schutzlosigkeit und Nacktheit wagen, die Newcomerin mit Theatererfahrung ebenso wie der erprobte Filmstar und der Spezialist für traurige Rollen. Vogel und Bleibtreu sind mit ihrem kompromisslosen Spiel längst so etwas wie Stars.

Jürgen Vogel war schon in „Kleine Haie“ ein mutiger Selbstdarsteller: Nie auf einer Schauspielschule, verdiente er als Küchenhilfe sein Geld und spielte nun einen Küchenjungen, der von Aufnahmeprüfung zu Aufnahmeprüfung tingelt. Es folgten der sensible Metzger („Das Leben ist eine Baustelle“), der Obdachlose („Fette Welt“), der Neonazi („Dann eben mit Gewalt“), der Dieb („Sexy Sadie“, „Emil und die Detektive“, „Sass“) und der Sänger („Keine Lieder über Liebe“). Ähnlich sind die Rollen, die Moritz Bleibtreu verkörperte, vom Kleinganoven in „Knockin’ on Heaven’s Door“ über den Einbrecher Manni in „Lola rennt“ bis zum verklemmten Spanner in „Agnes und seine Brüder“. Kleine, fiese Rollen mit ganz großer Sehnsucht im Herzen. Schüchterne Hoffnungsträger in grauen Zeiten.

Das hat in seiner Unbedingtheit System. Denn was die deutschen Wettbewerbs-Filme auszeichnet – man könnte die Filme aus Panorama und Forum, Detlev Bucks „Knallhart“ wie Henner Wincklers „Lucy“, Ulrich Köhlers „Montag kommen die Fenster“ wie Vanessa Jopps „Komm näher“, getrost dazunehmen. Ebenso Valeska Grisebachs Dorftragödie „Sehnsucht“: Sie suchen die Nähe zur Realität. Haben den Mut zur Hässlichkeit. Piefige Provinz und kaputte Großstadt, das Reihenhaus in Kassel, die Familienhölle auf der Schwäbischen Alb, das Schulungsheim der Freiwilligen Feuerwehr in Brandenburg. Was die dänische Dogma-Bewegung in den Neunzigern auszeichnete, scheint sich in Deutschland jetzt fortzusetzen: eine Lust auf Wirklichkeit jenseits der Traum- und Märchenwelt Kino.

Ein Glück, dass es auch Schauspieler gibt, die zulassen, dass ihnen die Kamera so nahe kommt: Meret Becker, die in „Komm näher“ mit fettigen Haaren in der Berliner Imbissbude steht. David Kross, der in „Knallhart“ auf Socken durch die Straßen von Neukölln schleicht. Kim Schnitzer, die in „Lucy“ ungeschickt ihre kleine Tochter wickelt. Und natürlich Valeska Grisebachs wunderbares LaienTrio, Ilka Welz’ Liebeserklärung am Küchentisch, Anett Dornbuschs klares Gesicht am Morgen, Andreas Müllers einsamer Tanz zu Robbie Williams.

Drei Bären für Sandra Hüller, Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu: Der Glanz der Auszeichnung strahlt auf alle ab.

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