Kultur : Die schnellsten Finger der Welt

KLASSIK I

Frederik Hanssen

Die Musik von Sergej Prokofjew ist wie gemacht für Kent Nagano : Denn sie klingt genauso wie der Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters dirigiert – geschmeidig, weltmännisch, der Zukunft zugewandt. Prokofjew war ein Komponist mit offenen Ohren und kühlem Herzen, ein Meister des Amalgam, einer, der nichts spurlos an sich vorübergehen ließ, der aber auch genau wusste, was sein Publikum hören wollte. Wenn Kent Nagano im tadellos sitzenden, maßgeschneiderten Frack seinem DSO den Einsatz zu „Romeo und Julia“ gibt, dann löst diese in höchstem Maß elegante Bewegung einen Höllenlärm aus. Aber einen von feinstem futuristischen Zuschnitt. Dass sich Noblesse und Avantgarde nicht ausschließen müssen, lehrt dieser Abend in der Philharmonie. Prokofjews Ballett, aus dem sich Nagano eine Suite nach eigenem Geschmack zusammengestellt hat, folgt hier der Ästhetik des Art Déco: Blitzendes Messing wird mit warmen Erdtönen kombiniert, scharfkantige Ornamente mit abstrahierten Naturformen auf edelsten Stoffen kontrapunktiert.

Wenn dabei das Dekorative die Oberhand über das Inhaltliche behält, stört das kaum– so lange die Ausführung exquisit ist. So wie am Wochenende bei Nagano und seinen Musikern. Wie aus einem Guss der Streicherklang, vollendet kontrolliert noch in der größten Emphase, dazu herrliche Holzbläsersoli – auch im abschließenden „Bolero“ von Ravel – und silbrige Salven vom Blech; ein spektakulärer Sound, der jedem Weltspitzenorchester zur Ehre gereicht hätte.

Und dann war da natürlich noch Arkadi Volodos, der dicke Junge mit den schnellsten Fingern der Welt. Wo es auf interpretatorischen Tiefgang ankommt, hat der 31-jährige Russe manchmal Schwierigkeiten – was die Spieltechnik betrifft, kennt er allerdings keine Grenzen: So schnell hat wohl selbst der begnadete Pianist Sergej Prokofjew sein zweites Klavierkonzert nicht spielen können. Mit 100 Prozent Treffsicherheit stürmt Volodos über die Tasten und ermutigt Nagano, die Satzbezeichnung des Finales wortwörtlich zu nehmen: allegro tempestoso. Riesenjubel.

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