Kultur : Die schnöde Querulantin

Sex, Liebe und Videos: Maggie Peren träumt in der Filmkomödie „Kiss and Run“ von Hollywood

Silvia Hallensleben

Einen schlechteren Ort für sein Begehren hätte sich der Frankfurter Cinephile kaum aussuchen können. Seine Frage nach französischen Filmen wird im „Videoparadies“ zwar noch unverbindlich positiv beschieden. Doch als er dann ausgerechnet um Jacques Rivettes „Die schöne Querulantin“ bittet, wird es im Videoladen endgültig ungemütlich für ihn. Erst sieht sich der arme Kerl dem Vorwurf scheinheiliger Verklemmtheit ausgesetzt, dann hagelt es härtere Attacken. Schließlich ist in Rivettes Film Emanuelle Béart nackt zu sehen.

Die Episode in Annette Ernsts Beziehungskomödie „Kiss and Run“ soll komisch sein – und sie wäre es vielleicht sogar, würde der Film sich nur ein wenig vom kleingeistigen Verhalten seiner Akteure distanzieren. Stattdessen setzt die Inszenierung noch eins drauf, indem sie den anonymen Rivette-Liebhaber stereotyp als linkischen Brillenbär charakterisiert. Dass „Kiss and Run“ sich dem Filmkunstpublikum anbiedern würde, kann ihm nach dieser Szene wirklich niemand vorwerfen. Die Cineasten scheint’s nicht zu stören – vielleicht aus Furcht, selbst als beleidigter Brillenbär zu gelten.

Jedenfalls hat Annette Ernsts Debütspielfilm nach anderen Auszeichnungen mit dem Adolf-Grimme-Preis auch den hierzulande angesehensten Fernsehpreis erhalten. „Ein Beispiel dafür, wie junges und erfolgreiches Kino und Fernsehen in Deutschland aussehen könnte, wenn es denn zielstrebig ge- und befördert würde“, heißt es in der Jurybegründung. Auch die Festivalpresse war des Lobes voll für die „sympathische Intensität“ und die „frechen Dialoge“ der 2002 bei den Hofer Filmtagen uraufgeführten, vom „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF koproduzierten Komödie, die jetzt mit einiger Verspätung in die Berliner Kinos kommt.

Bei der Sichtung im Kinosaal geraten die Komplimente dann doch in erhebliche Konfrontation mit der prosaischen Realität einer zwar flott inszenierten, aber letztlich doch gewöhnlichen Teenieklamotte. Verblüffend auch, dass sie ausgerechnet unter dem Dach des renommierten Kleinen Fernsehspiels entstanden ist. Sympathisch sind die Figuren ja nun wirklich nicht: Die oberflächliche Möchtegern-Schauspielerin Emma, die zwischen den Castings im schlechtgehenden „Videoparadies“ jobbt, Max, ihr verbalsexfixierter Sandkastenfreund, und ein paar andere Kids aus der Frankfurter Hochhaussiedlung. Jungs, deren Streben sich immer nur um das eine dreht. Die Frauen träumen von Höherem: Emma von einer Karriere in Hollywood und einem Filmstar als Mann. Doch jetzt soll der Videoladen einem Sonnenstudio weichen, und so muss, das sind die Gesetze der Komödie, Emma an ihrem 25. Geburtstag erstens sich selbst und zweitens den Richtigen finden. Der sitzt, wir ahnen es, gleich nebenan.

Auch sonst ist das Drehbuch von Maggie Peren trotz einiger skurriler Einfälle nicht gerade darum bemüht, uns mit Überraschungen vor den Kopf zu stoßen. Nichts gegen Antihelden und Unsympathen: Dummerweise jedoch fällt dem Film zum Leben auch nicht mehr ein als seine auf traurige Karikaturen reduzierten Figuren. Kein Wunder eigentlich, da Peren (die auch für die Bücher von „Vergiss Amerika“, „Mädchen, Mädchen“ und – als Koautorin – für „Napola“ verantwortlich zeichnet) mit der Figur der Emma auch selbst die Hauptrolle spielt. Und die „frechen Dialoge“? Kreisen im Wesentlichen um die Frage, ob Pornogucker die besseren Menschen sind. Aber vielleicht soll das Gefrotzel um Pimmelgrößen und Eiffeltürme ja das Junge sein an diesem Film.

Die Älteren sollen dennoch nicht abgeschreckt werden: Nur so ist jedenfalls zu erklären, dass die Pubertisten Banu und Leo in „Kiss and Run“ eher am Rande platziert sind.

In Berlin im Babylon, Broadway, Central und Filmtheater am Friedrichshain

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