Kultur : Die schöne Hülle

Ode an die Mode: Helmut Newtons Auftragsfotografien in Berlin

Christian Schröder

Was mag es sein, was die schmalschultrige Blondine so sehr erschüttert? Ist der zerknitterte Zettel, den sie in der Hand hält, ein Abschiedsbrief? Eine Todesnachricht? Eine Absage? Das bodenlange Leopardenkleid der Frau ist für ihren Zustand grenzenloser Verzweiflung eher nicht geschaffen. Wie hingegossen sitzt die Blondine in einem weit ausladenden Sessel, ihr Arm, mit dem sie den Kopf stützt, lehnt auf einer Kommode. Das Gesicht der Schönen ist hinter den blutrot lackierten Nägeln ihrer Hand verborgen: ein Bild des Jammers.

Helmut Newton machte dieses Foto für die Herbst-/Winterkollektion von Yves Saint Laurent 1985/86. Jetzt hängt es in der Helmut Newton Stiftung im Berliner Museum für Fotografie. Es ist das Lieblingsbild von June Newton, der Witwe des Fotografen, in der neuen Newton-Wechselausstellung „A Gun For Hire“, die sie selber zusammengestellt hat. „Für das Mädchen war es eine Qual, so lange in verdrehter Haltung still zu sitzen“, erzählte sie bei der Pressekonferenz. „Erst jetzt ist mir aufgefallen, warum Helmut diese Pose so wichtig war: Direkt hinter dem Mädchen ist ein sich eitel spreizender Hahn auf die Lehne des Sessels gestickt.“

Die Kamera als Waffe: Der Ausstellungstitel beweist den trockenen Humor, mit dem Newton seine Arbeit zu beschreiben pflegte. „Die Fotografie einiger Kollegen ist Kunst, meine nicht“, sagte er kurz vor seinem Tod 2004. „Wenn meine Bilder ausgestellt werden, soll es mir recht sein. Aber das ist nicht der Grund, warum ich sie mache. Ich bin Auftragskiller.“ Der Emigrant mit Geburtsort Berlin hatte sich 1957 in Paris niedergelassen, in den Sechzigerjahren stieg er zum Starfotografen der französischen „Vogue“ auf. Daneben arbeitete er auch für „Elle“, „MarieClaire“, „Playboy“ und „Stern“. Aus seinen Worten spricht vor allem eins: Understatement. Auch wenn er für Magazine statt für Museen produzierte, war er doch ein Meister, der sich in der Kunstgeschichte auskannte. Das Bild mit der Blondine und dem Brief erinnert an Vermeer, ein Foto, auf dem ein Model einem anderen Model die Brust anmalt, zitiert ein berühmtes Gemälde der Schule von Fontainebleau. Durch Newtons Interieurs mit ihrer Ausstattungspracht weht der Parfümduft der Rokoko-Malerei von Fragonard und Boucher.

Die Ausstellung, die ab Samstag zugänglich ist, versammelt rund 150 Arbeiten in überwiegend riesigen Abzügen. Es ist die erste museale Präsentation von Newtons Auftragsarbeiten, sie enthält, wie June Newton sagte, „vorwiegend angezogene Mädchen und sehr wenig Nacktheit“ und ist deshalb geeignet, das Bild des Fotografen als Schöpfer weiblicher Akte mit herrisch-kriegerischer Ausstrahlung („Big Nudes“) ein wenig zu erschüttern. Doch natürlich sind auch seine Bilder, die dazu dienen, die Oberbekleidung der aktuellen Modesaison zu präsentieren, mit Erotik aufgeladen. „Shifty Newton“, gerissener Newton, nannte die Chefin der britischen „Vogue“ den Künstler, dem es immer wieder gelang, anstößige Details in seine Aufnahmen zu schmuggeln. Er musste gar nicht so weit gehen, wie er es 1993 in Nizza tat, eine Braut in ein Korsett zu stecken, über dem sich ihre Brüste hinter einem transparenten Schleier wölben. Es reichte aus, Nadja Auermann in High Heels und Strapsen auf einen grob behauenen Steinblock vors Mittelmeer zu legen, 1994 in Monte Carlo.

Newton, der seit 1981 an der Côte d’Azur lebte, war vom Surrealismus geprägt. Hinter der sichtbaren Welt auf seinen Bildern existiert immer noch eine andere Welt, eine Welt der Fantasien und Wünsche. Als „Eyes Wide Shut“ in die Kinos kam, gab Newton der „Vogue“-Kollegin Josephine Hart eine Privatlektion über Schnitzlers „Traumnovelle“, auf der Kubricks Film basiert. „Denk daran, Josephine, da geschieht nichts“, sagte er. „Es läuft nur im Kopf ab. Es ist alles ein Traum.“ Manche Bilder von Newton wirken wie Schnappschüsse aus nie gedrehten Melodramen. Eine Frau in einem goldenen Abendkleid steht vor einem Samtvorhang und telefoniert. Ein zwergenhafter Anzugmann wird von einer um zwei Köpfe größeren Blondine durch einen Park geführt. Newton machte gerne Gags, manchmal übertrieb er dabei. Für Villeroy & Boch ließ er seine „armen Mädels“ Badewannen und Waschbecken durch einen Innenhof tragen.

Zweihunderttausend Besucher zählt das Museum der Helmut-Newton-Stiftung im ersten Jahr seines Bestehens, „ein unglaublicher Erfolg“, wie Kurator Matthias Harder bilanziert. Die ersten Einzelausstellungen „Us and Them“ und „Sex and Landscapes“ wandern nun um die Welt, zunächst nach München und Australien. Art for hire.

Ab 4. Juni, Di–So 10–18, Do 10-22 Uhr. Der im Taschen Verlag erschienene Katalog kostet 29,99 €.

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