Kultur : "Die schöne Müllerin": Mit Haut und Haar ein Bad in der Romantik

Christine Lemke-Matwey

Es war einer dieser auratischen Abende, an denen man hätte meinen können, das Leben sei schön - und die Welt in Wahrheit herzensgut. Oben, mit großem eisgrauen Lichthof, der Mond über dem Potsdamer Platz; unten der Strom der ewig Vergnügungswilligen und Schaulustigen, allesamt wie Ameisen so klein und zart und schwarz. Das also ist die eine Seite, diejenige, die behauptet, unsere Realität zu sein und unser Alltag und unsere verdammte Zukunft. Die andere Seite ereignete sich kaum einen Steinwurf davon entfernt, im Kammermusiksaal der immer wieder neu staunenswerten Scharounschen Philharmonie. Dass sie existiert, jene andere, weniger fassbare, weit weniger alltägliche Seite, immer noch und vielem zum Trotz, und dass zwei junge Männer ein Podium betreten, um sich knapp 90 Minuten lang mit Haut und Haar in einen romantischen Liederzyklus zu versenken, in Franz Schuberts "Schöne Müllerin" von 1827 - es ist anrührend und tröstlich zugleich. Was kann schon passieren, so fragte man sich am Ende, als der Müllerbursche, dieser "sanfte, geradezu wassersomnambule Geselle", längst kopfüber in den rauschenden Mühlbach gestürzt war und die Künstler in Ovationen badeten - solange es solche Kunst, solches Zuhören und, im wahrsten Wortsinn, solche Begeisterung gibt?

Dies alles heißt nicht, dass über die Art des Vortrags, das Wie, die Kraft der Inspiration oder das Maß an lyrischer Vergegenwärtigung nicht weiter zu reden wäre. Im Gegenteil: dass darüber diskutiert, ja heftig gestritten werden kann und muss, macht das Ganze erst lebendig, erst wichtig und interessant. Der Bariton Matthias Goerne und der Liedpianist Eric Schneider nämlich erzählen die Geschichte des Müllerburschen, jenes "armen, weißen Mannes", ganz vom Ende her. Alles Hoffen auf die Gunst der wankelmütigen Müllerin scheint ihnen vergebens, alle Wut geschieht bloß mehr um der Wut, der Verzweiflung willen und wie hinter einem dichten Schleier aus Depression, alle Trauer ist längst zu galliger Melancholie erstarrt. Entsprechend weit spreizt sich die Interpretation in die Extreme: Die eher langsamen Lieder (wie "Wohin?" oder "Der Neugierige") nehmen Goerne und Schneider wie mit einem fremden Zeitmaß, in quälender Zeitlupe und von etlichen Zäsuren durchsetzt - als stockte ihnen vor dem grauenhaften Geschehen selbst der Atem; die schnellen Lieder hingegen ("Mit dem grünen Lautenbande", "Der Jäger") scheinen sich förmlich zu überstürzen, haben nichts anderes im Sinn, als vorbei zu sein. Allein Goernes Deklamierungskunst und Schneiders unerhört waches, williges Begleiten hätten hier eigene Würdigungen verdient.

Wer da durch zwanzig Lieder hindurch wandert und liebt, leidet und stirbt, ist keine kupferstichartig authentische Figur, sagt die moderne Schubert-Forschung, kein pausbäckiger Biedermeierling, sondern ein facettenhaft zusammengesetztes, heftig nach Auflösung strebendes Subjekt und lyrisches Ich. Was aber bedeutet es, wenn Goerne - aus der Retrospektive, wie gesagt - nun doch eher den scheiternden Tatmenschen über den Träumer kommen lässt, das Horn des Jägers über die Laute des Künstlers, den perfekten sängerischen Ausdruck über jeden Schmerz und das so genannte Männliche über das so genannte Weibliche in Schuberts Musik? Dass sein Ansatz missverständlich sei, der Abend sich keineswegs auf der Höhe der Zeit zugetragen hätte?

Das Schöne an Kunst aber ist, dass sie niemals "falsch" sein kann. Nur sehr eigen, höchst individuell. Mit massig wiegendem Oberkörper und einem gletscherblauen Augenpaar, das kaum je zu blinzeln wagte, schlug Goerne den Saal in Bann. Sein kehlig-körperreiches Bariton-Timbre, seine seidigen, lichten, oftmals fast zu schönen Piani betörten, machten fast jedes Totenglöcklein vergessen. Freier agierte er und mutiger als zuletzt bei den Salzburger Festspielen mit Alfred Brendel, dem Mentor, am Flügel. So frei und so mutig und so zukunftsfroh, wie diese Welt, dieses Leben nur sein kann.

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