Kultur : Die schöne Rivalin

Sachsen und der Sonnenkönig: Mit einer Ausstellung Dresdner Kostbarkeiten erstrahlt Versailles neu

Bernhard Schulz

Frankreichs Präsident war überrascht. Dass die Meisterwerke der Dresdner Kunstsammlungen 1945 von der Roten Armee abtransportiert und erst 1955/58 zurückgegeben worden waren, hatte Jacques Chirac noch nie gehört. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte es ihm bei ihrem Besuch in Paris zum 43. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags.

Die Ausstellung „Der Glanz des sächsischen Hofes. Dresden in Versailles“ macht Furore. Schon die Eröffnung wurde von 2500 Gästen förmlich überrannt. Sie kamen wegen der – in Frankreich so empfundenen – Sensation, das nach der Revolution von 1789 seiner ursprünglichen Ausstattung beraubte Schloss wenigstens für kurze Zeit einmal im märchenhaft Glanz jener Objekte erstrahlen zu sehen, nach denen sich die Fürstenhöfe der absolutistischen Epoche verzehrten.

Der sächsische Hof galt Voltaire als „der schönste Europas – nach Versailles“, und was wie eine kleine Spitze klingt, verstand man in Dresden als großes Kompliment. Denn der Hof des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. gab den Maßstab ab, nicht nur, aber ganz besonders für August den Starken. Der wurde 1701 als August II. zum König Polens gewählt und war damit dem französischen Vorbild gleichrangig geworden. Maßstab war der Hof auch noch für dessen Sohn August III., der wiederum Zeitgenosse des eher blassen Ludwig XV. war. Die Nachahmung ging so weit, dass August der Starke sich bei einem seiner zahllosen, mit Hingabe inszenierten höfischen Feste mit der vergoldeten Maske der strahlenumkränzten Sonne schmückte – als Sonne wenn schon nicht der Welt, so zumindest Sachsens.

Sachsen war reich, verdankte seinen Wohlstand den ergiebigen Minen, die Silber und Edelsteine zu Tage förderten, dem Handel und nicht zuletzt den Luxuswaren, darunter der 1710 voller Glück annoncierten Porzellanproduktion, der ersten außerhalb des fernen China. August konnte also mit Eigenem aufwarten, nachdem er als Jüngling auf der für Fürsten obligatorischen Grand tour den französischen Hof kennen und bewundern gelernt hatte. Und es ist einer der vielen in der Ausstellung versteckten Hinweise auf den wechselseitigen Austausch, dass die Tierfiguren aus Meißner weißem Porzellan nicht aus Dresden, sondern aus dem nahen Sèvres, dem Sitz des späteren Manufaktur-Pendants, geliehen werden konnten.

Die Präsentation von 235 Preziosen, Objekten und Gemälden wurde möglich, weil das authentische Grüne Gewölbe noch im Wiederaufbau befindlich ist – jene von beiden Augusts großzügig bestückte, jedoch auf die weit ältere Wunderkammer des Hofes zurückgehende Schatzkammer der Dresdner Prestigeobjekte. Eine einmalige Gelegenheit also; und nur dem wissenschaftlich legitimierten Ansinnen, die enge Verflechtung der beiden Höfe zu untersuchen, ist die erst- und einmalige Ausleihe eines der größten Wunderdinge des frühen 18. Jahrhunderts zu danken: Mit dem „Obeliscus Augustalis“ versinnbildlichte der symbolbewusste Herrscher seinen Anspruch als „neuer Augustus“ auf 136 Zentimeter dichtest bestückter Juwelierkunst. Der Schöpfer, Hofjuwelier Johann Melchior Dinglinger, hatte seinesgleichen nicht am Versailler Hof. So belegt diese Kostbarkeit, dass der sächsische Hof in seiner Glanzzeit gegenüber dem französischen mit Dingen auftrumpfen konnte, die sogar den Roi soleil ausstachen.

Das Grüne Gewölbe wird in der Versailler Ausstellung eindrucksvoll nachgebaut, mit dämmrigem, auf die Objekte konzentrierten Licht und einer verschachtelten Architektur, die den Besucher bei jeder neuen Wegbiegung staunen macht. Der sächsische August liebte Juwelen und kunsthandwerkliche Bravourstücke, die auf die Mirabilia der alten, ererbten Wunderkammer zurückverweisen. Doch zugleich ließ er das Grüne Gewölbe nach eigenhändigen Planskizzen neu ordnen und für Besucher öffnen – als das allererste Museum Europas in einem dem heutigen nahen Sinne.

Stets überkreuzen sich die Beziehungen – wenn etwa der Louvre drei Gemälde des Manieristen Arcimboldo ausleiht, die einst Kaiser Maximilian 1573 einem früheren Kurfürsten zum Geschenk gemacht hatte, die aber bereits zu Augusts Zeiten als veraltet galten und verkauft wurden. Schönstes Beispiel für die Dresden-Versailler Verbindung ist das Pferdeschlittengespann, zu dem Dresden den einzigartigen Pferdeharnisch und Versailles den herrlichen Schlitten beisteuerte. Und dann gibt es natürlich die zahllosen dynastischen Verbindungen, die sich in den wechselseitig verehrten Porträts niederschlagen. Augusts legitimierter Sohn Moritz brachte es zum Marschall Frankkreichs und umjubelten Feldherrn. Und es war die sächsische Prinzessin Maria-Josepha, Tochter Augusts III., die 1747 den Sohn Ludwigs XV. heiratete – und Frankreich drei Könige schenkte, den unglücklichen Ludwig XVI. sowie Ludwig XVIII. und Karl X., die nach Napoleons Sturz 1815 herrschten.

Da begann der Glanz Sachsens, wiewohl zum Königreich eigenen Rechts erhoben, bereits zu verblassen. Die Ausstellung in Versailles zeigt das Land auf dem Höhepunkt seiner Strahlkraft: Sie ist ein Ereignis von wahrlich europäischem Rang.

Versailles, Schloss, bis 23. April, hervorragender Katalog, 304 S., 49 €.

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