Kultur : Die Schöne und das Biest in der Hamburger Kunsthalle

I. L.

Die Schöne und das Biest - Henri Rousseau bannte das Paar um 1908 in eindeutiger Pose auf die Leinwand. Das selten gezeigte Urwaldbild des als "naiv" etikettierten Autodidakten ist eine der Überraschungen, mit denen die "Surrealen Welten" in der Hamburger Kunsthalle aufwarten (bis 7. Mai). Die sodomistische Szene, die der Vorläufer der Surrealisten in seinem 1908 entstandenen Gemälde entwirft, ist zugleich poetisches Traumbild. Rousseau veranschaulicht die dunklen Triebe, indem er das Märchen vom verwandelten Tierbräutigam verarbeitet. Acht Jahre zuvor hatte Sigmund Freud mit seiner "Traumdeutung" auf analytischem Weg Licht ins Unbewusste gebracht. Im Verborgenen bleibt allerdings der Name des Privatsammlers aus Norddeutschland, dem die Kunsthalle diese Schau verdankt. Trotz des Ausstellungstitels ist nicht etwa der Surrealismus Leitmotiv der Kollektion. Die meisten der über 200 durchweg exquisiten Bilder und Skulpturen kreisen um das Überreale: das Fantastische, der Traum, die Verwandlung, das Unbewusste und Abgründige. Beginnend bei Piranesis "Kerker"-Radierungen über Werke von Goya, Odilon Redon, Max Ernst, Magritte und Picasso bis hin zu Hans Bellmer, Dubuffet, Giacometti, Wols und Janssen reicht die Spannbreite der gezeigten Werke, die mit ihren Entstehungsdaten weit über den historischen Surrealismus hinausreichen. Leider ist der Name des Sponsors der Schau die einzige Hintergrundinformation, die der Besucher erhält, sofern er nicht in den Katalog investiert (45 Mark). So bleibt der Betrachter allein mit den abgründigen Tuschezeichnungen Alfred Kubins. Und auch bei Victor Hugos Zeichnungen fehlt der Hinweis, dass der Maler tatsächlich mit dem Schöpfer Quasimodos, des Glöckners von Notre-Dame, identisch ist. - Im Anschluss an die Hamburger Station werden die "Surrealen Welten" weiter nach Wuppertal und Tübingen wandern, bevor sie im kommenden Jahr in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu bestaunen sein werden.

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