Kultur : Die Schöne von San Giorgio

Vor der 55. Biennale: Venedig läuft sich warm.

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Noch sind es drei Tage bis zum Start der 55. Biennale in Venedig am 1. Juni, doch die Stadt beginnt zu vibrieren. Die Kuratoren und Kritiker sind bereits da, nie zuvor gab es so viele Beteiligungen, 88 Nationen einschließlich des Vatikans, der erstmals dabei ist. Nie zuvor gab es so viele eventi collaterali, begleitende Ausstellungen und Veranstaltungen von Stiftungen, Sammlern, Unternehmen, deren Opulenz manchen Länderauftritt in den Schatten stellt.

Die Biennale in Venedig ist neben der Documenta in Kassel das weltweit bedeutendste Kunstereignis, ein glamouröser Rahmen, in dem die wichtigsten Akteure des Betriebs um Auftritte rangeln – und sei es nur für einen Abend auf dem Markusplatz. Hier lädt die Berliner Nationalgalerie mit dem Verein der Freunde zum Cocktailempfang, um auf den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst zu verweisen. Zwar fällt die Phalanx der vor den Giardini ankernden Luxusjachten russischer Magnaten und amerikanischer Sammler dieses Jahr vergleichsweise bescheiden aus und verstellt die Sicht auf die Isola di San Giorgio einmal nicht, dafür thront aber an der Spitze der Insel eine gigantische Skulptur des Bildhauers Marc Quinn. Sie verschreckte bereits vor fünf Jahren auf dem Londoner Trafalgar Square die Passanten: eine beinlose nackte Frau, die Schönheit und Versehrtheit auf geradezu brutale Weise vereint. Wohin könnte sie besser passen als nach Venedig, das sukzessive im Wasser versinkt und noch in der vergangenen Woche „Aqua alta“-Warnungen ausgeben musste? Quinn erhält auf dem Inselchen eine eigene Retrospektive der Fondazione Cini. Offensiver ließe sie sich kaum bewerben als mit dem weiblichen Koloss vor barocker Kirchenpracht.

Alle sind begierig, die Giardini mit den nationalen Pavillons endlich betreten zu dürfen, ebenso das Arsenale mit der offiziellen Biennale-Ausstellung unter dem Titel „Il Palazzo Enciclopedico“, eingerichtet von Massimiliano Gioni. Alfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro und in den Neunzigern Kurator am Berliner Haus der Kulturen der Welt, erlaubt vorab einen Blick in den lateinamerikanischen Pavillon, der allein 16 Nationen vereint. Er ist im ältesten Teil des Arsenale untergebracht, wo einst die Seemacht Venedig ihre Flotte mit Kanonen rüstete und der Geist des 16. Jahrhunderts noch im Gebälk steckt, jener Geist, von dem Dantes „Inferno“ berichtet.

Dicht gedrängt präsentiert Hug Videos, darunter auch von David Zink Yi oder François Bucher, zwei international renommierten, in Berlin lebenden Künstleren. Als weiterer Berliner ist Christian Jankowski dabei, der zur Biennale in Montevideo 2012 eine Performance beigetragen hatte. Darin führte er eine Gruppe von Menschen mit verbundenen Augen jenen namengebenden Berg – Montevideo – hinauf, auf dass sie sehend werden. Möglichst viel sehen, in möglichst kurzer Zeit, das wird für den Besucher der Biennale di Venezia wieder das eigentliche Kunststück sein. Nicola Kuhn

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