Kultur : Die schönen Gefangenen

Kriegsschäden, seelisch: Dokumentarromane von István Örkény und Jacques Chessex

Nicole Henneberg

Nicht ich habe dieses Buch geschrieben, sondern dreihunderttausend Ungarn in der Sowjetunion. Ich war nur ihr Chronist“, erklärt István Örkény im Vorwort zu seinem Roman „Das Lagervolk“. Er beendete das Buch, das vollständig in der Kriegsgefangenschaft entstand, 1946 im Lager Krasnogorsk bei Moskau. Schon drei Jahre zuvor hatte er begonnen, Notizen zu machen, im Lager Tambow, „mit einem Bleistiftstummel auf Tabaktüten“.

Als seine Mitgefangenen erfuhren, dass er schrieb, kamen sie alle herbei, um Daten, Erfahrungen, Tragödien und Anekdoten beizutragen. Ihnen fühlte Örkény sich verantwortlich, denn „mehrere hunderttausend Anwälte werden meine Worte unter die Lupe nehmen“. Der 35-jährige Chemiker und Apotheker hatte vor dem Krieg erst ein Buch veröffentlicht, war als Autor aber schon selbstbewusst genug, zuzugeben, dass „nichts die Wahrheit so sehr (verfälscht) wie die Tatsachen“. Er war überzeugt, dass seine intuitiven Recherchen der Lagerwirklichkeit näher kamen als jede Ansammlung von Fakten. Er wusste aber auch, dass die Erinnerung ganz eigene Bilder schafft.

Was diesen frühen Roman Örkénys einzigartig macht, ist die dokumentarisch genaue, literarisch verdichtete Darstellung einer existenziellen Grenzerfahrung. Als Leser fühlt man sich in jene hungrigen, von Angst und Lebenswillen erfüllten Jahre zurückversetzt, man spürt die Vorsicht gegenüber den sowjetischen Siegern und die irrationalen Hoffnungen auf eine Demokratie unter ihrem Einfluss.

In Krasnogorsk entstand eine antifaschistische Umerziehungsschule. Sie bewirkte, dass ein Großteil der Gefangenen bereut, sich vor dem Krieg nicht im bewaffneten Widerstand engagiert zu haben. Diese Lebensgeschichten sind das Herzstück des Romans („Woher wir kamen“), sie wollen die oft unbewussten Lebensfragen der Gefangenen freilegen: „Der eine wollte seine Liebesgeschichte erzählen, doch stets kam ihm seine engste Umgebung daheim, seine Geburtsstadt in den Sinn. Der andere wollte beweisen, was für ein Musiker oder Künstler er sei und dass ihn weder der Krieg noch die Politik etwas angehe – und doch erzählte er von nichts anderem als von den verschlungenen Pfaden, auf denen er zu dieser Gemeinschaft der Kriegsgefangenen gestoßen sei.“

An die Stelle von zerstobenen Erinnerungen, vergessenen Namen, Bildern und Gerüchen ist also das getreten, was „die Attraktivität der russischen Gefangenlager, die einzigartige Schönheit der russischen Gefangenschaft“ (Imre Kertész im Nachwort) ausmacht. Dabei lesen sich diese vom Autor zugespitzten Lebensbeichten oft wie ein verblüffender Vorgriff auf die „Minutennovellen“ (2002 übersetzt von Terézia Mora), jene rätselhaften Kürzestgeschichten, mit denen er berühmt wurde.

Er habe in diesem Buch die Welt vermessen, in der er fortan leben musste, bekannte Örkény noch 1970, neun Jahre vor seinem Tod. Er träumte von einem neuen, besseren Ungarn, geläutert durch die Erfahrung von Hunger und Heimweh. Er begriff das Zurückgeworfenwerden auf die elementaren Lebens- und Schuldfragen als Chance für sein Land. Alle sollten ehrlicher werden: die Drückeberger und Intriganten genauso wie die Künstler. Besonders begeisterte ihn die Lebensgeschichte eines vor dem Krieg berühmten Barmusikers, der im Lager Theater- und Kabarettabende organisierte und darin das Glück seines Lebens fand. Aus diesen Details ging als „soziographische Verdichtung“ der andere Teil des Romans, „Das Lagervolk“, hervor, der die Gefangenschaft als scham- und mitleidlosen „Urzustand“ definiert.

Örkény, der in Ungarn viele Jahre nicht publizieren durfte, hat an seinem frühen Roman (der nach der Erstausgabe 1947 erst 1971 wieder aufgelegt werden konnte) kein Wort verändert. Weder hat er seine naive Hoffnung auf eine „Demokratie“ unter Stalin relativiert noch die schroffen antisemitischen Sätze gestrichen, die seinen sensiblen Übersetzer Laszlo Kornitzer fast zur Textfälschung verführt hätten.

In dem Jahr, in dem Örkény als jüdischer Arbeitsdienstler an die Ostfront geschickt und sein Armeekorps (im Winter 1942/43) vollständig vernichtet wird, versinkt die Gegend um Payerne, unweit von Bern, in antisemitischem Hass, der in einem programmatischen Mord gipfelt. Eine betörend schöne Gegend, die trotz des Krieges jenseits der Grenze, trotz Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise, „schnauft und schwitzt im Speck, in Milch, Tabak und im Fleisch der Viehherden, im Geld der Kantonalbank und im Wein“. Hier ist der 2009 gestorbene Jaques Chessex aufgewachsen, er hatte mit der Tochter des Mörders (und dem Sohn des später ermittelnden Richters) in einer Klasse gesessen, und die Hitlerrufe der Wehrmacht, die mittags die Kirchenglocken übertönten, klangen ihm noch im Ohr, als er seinen verstörenden Roman „Ein Jude als Exempel“ schrieb.

Dabei ging es ihm nicht um psychologische Erklärungen für die Grausamkeit der Tat, die schon verschiedentlich literarisch bearbeitet, aber nie so eindringlich erzählt wurde: ein gutmütiger, 60-jähriger Viehhändler, der stellvertretend für die Schlechtigkeit der Juden und als Geburtstagsgeschenk für den Führer hingerichtet wird. Hochverdichtet und pointiert schildert Chessex die makabren Einzelheiten, die politischen und emotionalen Hintergründe – nicht ohne Pathos, aber mit einer meisterhaften Erzählökonomie und schockierenden, dabei fein gezeichneten Bildern.

Der Leser steht mitten im verhängnisvollen Fluss der Ereignisse und spürt die Eskalation eines unbegreiflichen Wahns. Der Hass, der dem streitbaren Autor dafür in seiner Heimatstadt entgegenschlug, hat ihn so empört, dass er in einem Interview zu Recht forderte, man solle den Marktplatz von Payerne nach dem ermordeten Arthur Bloch benennen: nicht als Wegweiser in die Vergangenheit, sondern als Orientierung in der Gegenwart.

István Örkény: Das

Lagervolk. Roman. Aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer. Suhrkamp, Berlin 2010. 384 S., 34 €.

Jacques Chessex
: Ein Jude als Exempel. Nagel & Kimche, Zürich 2010. 96 S., 12,90 €.

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