Kultur : „Die Schönheit der alt-neuen Orte“

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15 Jahre sind im heutigen politischen Alltag eine enorme Zeitspanne – haben Sie sich in dieser Zeit als „Fels in der Brandung“ empfunden?

In der Tat: 15 Jahre sind im normalen politischen Alltag eher die Ausnahme, aber man braucht die Zeit, um städtebauliche Ideen über den Plan mit den dann folgenden Realisierungsstufen zu bekommen. Überdies sollte man die Architektur der Stadt und erst recht nicht den Stadtgrundriss in jeder Legislaturperiode neu erfinden. Insoweit sehe ich mich eher als geduldigen Stadtbaumeister in der gespaltenen und geschundenen Stadt, der dafür gearbeitet hat, Berlin mit seinen Neubauten wieder in einen Dialog mit der Städtebau- und Architekturgeschichte aufzunehmen.

Was war Ihr größter Erfolg, was Ihre größte Niederlage?

Meinen größten Erfolg sehe ich darin, die Dominanz der Nachkriegsmoderne mit ihrer objektorientierten Idee einer Stadtlandschaft gebrochen zu haben und die Idee des traditionellen Städtebaus mit allgemeinen Regeln für die Architektur der Stadt wieder zu einem weitgehend akzeptierten Prinzip gemacht zu haben. Die Niederlagen habe ich genau dort erlitten, wo dieses Prinzip durchbrochen oder nicht aufgenommen wurde. Als Niederlage empfinde ich es auch, dass ich die unsinnige Spaltung, ja die Konfrontation der Architektenschaft in eine „Glas-“ und eine „Steinfraktion“ nicht überwinden konnte. Der Glaube an die demokratische Kraft einer durchsichtigen Glasfassade ist trotz aller negativen praktischen Erfahrungen mit diesem Prinzip ungebrochen.

Glauben Sie, dass Sie mit dem Beharren auf der „europäischen Stadt“ das öffentliche Bewusstsein Berlins nachhaltig verändert haben?

Ja.

Meinen Sie, dass Ihr „Planwerk Innenstadt“ weiterhin verpflichtend bleibt, oder fürchten Sie dessen Entsorgung?

Ganz im Gegenteil – mit der gerade in den letzten Jahren erkennbar werdenden Renaissance der Innenstadt auch als Wohnort beginnt die Zeit der weiteren Realisierungen. Dabei geht es allerdings nicht zuerst um Investoren, sondern erst einmal um die Wiederentdeckung von aus dem Gedächtnis der Stadt gelöschten Orten, wie es zuletzt auf dem Friedrichswerder geschehen ist, und darum, für solche Orte möglichst viele einzelne Häuser bauende Bauherren zu gewinnen. Auf diesem Gebiet bietet das Planwerk für die nächsten Jahre noch ausreichend Orte für Bauherren und Architekten.

Wenn Sie Ihre Amtszeit in einem einzigen Satz bündeln und bewerten sollten – was würden Sie sagen?

Ich habe dazu beigetragen, dass die auf Karl Scheffler zurückgehende geistige Lebensform Berlins, das schicksalhafte „immerfort zu werden und niemals zu sein“, nach 100 Jahren, zwei Kriegen und Mauerbau durch die Schönheit der alt-neuen Orte zumindest in Frage gestellt wird.

Hans Stimmann, geb. 1941 in Lübeck, Maurerlehre, Studium an der TU Berlin, Promotion, 1986 Bausenator in Lübeck, seit 1991 mit kurzer Unterbrechung Senatsbaudirektor

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