Kultur : Die Schönheit der weißen Ausbuchtung

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Von Matthias Mühling

Eines der wichtigsten Zeichen der Macht in der Geschichte der Architektur ist der Triumphbogen, dessen Funktion im Durchschreiten des Souveräns, des Feldherren oder anderer Träger von Herrschaft besteht. Er ist gebauter Machtanspruch, sein Skulpturen-, Relief- und Schriftprogramm politische Propaganda. In der Ausstellung „Through a Sequence of Space“ in der Galerie Nordenhake ist dieses Prinzip als metaphorische Etüde an den Anfang der Gruppenausstellung gesetzt.

Der Besucher betritt durch Jimmie Durhams „Arc de Triomphe for personal Use“ (17 500 Euro) die Ausstellung. Sein mobiler, aus einfachen blauen Stahlbändern konstruierter Bogen markiert eine imaginäre Grenze zwischen einem Davor und Dahinter. Der „personal Use“ ironisiert die repräsentationsästhetische Funktion von Architektur, um immer wieder andere, nicht sichtbare Grenzen sichtbar zu machen. Durhams Bogen demokratisiert so die ursprünglich feudale Funktion und zeichnet jeden aus, der ihn durchschreitet – schnell durchgelaufen, schon ein besserer Mensch? In der Ausstellung trennt er den Bannraum Galerie, dessen Definitionsmacht alles in ihm zur Kunst erhebt, vom Unbedeutenden davor. Er trennt den halb-öffentlichen Raum des Kunstkommerz vom öffentlichen Raum der Straße und beschreibt so die subtilen Mechanismen von Inklusion und Exklusion.

Architektur ist kein unschuldiges Funktionssystem, sondern eine institutionelle Sphäre, die durch ökonomische, soziale und politische Funktionen aufgeladen ist. Räume definieren sich durch gesellschaftliche Konventionen und steuern unser Verhalten. Herrschaftsverhältnisse werden durch Architektur, durch gestalteten Raum, in Repräsentation verwandelt. Gerade die Kunst kennt das Drama von Macht und Repräsentation. Die sorgfältig kuratierte Ausstellung versammelt entlang dieser thematischen Klammer zwölf Künstler, die in unterschiedlichen Verfahren die Beziehung zwischen Kunst, Raum, Architektur, Urbanität und den sozialen Funktionen des Wohnens untersuchen.

Die schwedische Fotografin Miriam Bäckström zeigt in einer Fotoserie Interieurs von Modellhäusern (je 4500 Euro), deren menschenleere, klinische Inszenierung das bürgerliche Ikea-Ideal vom Wohnen kritisch hinterfragt. Während die in Berlin lebende Schwedin Gunilla Klingberg die Reispapierlampe als klassisches Zeugnis der Wohnkultur der 68er Generation zu einem Endlosschlauch re-inszeniert ( 6000 Euro), setzt der US-amerikanische, in Schweden lebende Clay Kettner seine Skulpturen aus vorgefertigten Baumarktelementen zusammen (20 000-30 000 US-Dollar). Beides ergibt einen mokanten Kommentar zur puristischen Ästhetik und den theatralen Momenten der minimal art.

Der britische Turner-Preisträger Martin Creed widmet sich dem konnotativen Feld des weißen Galerieraums. Die Arbeit „Work No 102 – a Protrusion from a Wall“ (20 000 Euro) versieht die funktionale Wand der Galerie mit einer regelmäßigen, vorstehenden Beule. Die reduzierte Schönheit der weißen Ausbuchtung unterläuft die vorgefasste Raumwahrnehmung des Betrachters, sie zerstört den funktionalen Charakter des white cube. Durch organische Verzerrung wird die Wand als Träger der Kunst unbrauchbar gemacht.

Die DVD-Installation des Schweden Jonas Dahlbergs (6000 Euro) zeigt die vertikale, parallele Kamerafahrt durch die monotonen Raumfluchten eines Architekturmodells. Der stille, beobachtende Modus des allmächtigen Kameraauges verwandelt die harmlosen Flure durch einen Suspenseeffekt á la Hitchcock zum bedrohlichen Szenarium.

Die Installation der slowenischen Guggenheim -Preisträgerin Marjetica Potrc „Duncan Village Core Unit“ (25 000 US-Dollar) orientiert sich an Maßstab und Gestaltung von Behausungen in Südafrika, deren armseliger Charakter den Blick für die Probleme des globalen Wohlstandsgefälles öffnen.

Als ideeller Endpunkt findet sich im hinteren Raum die Plastik „KPS XIII" (50 000 Euro) des 1979 verstorbenen, russischen Künstlers Vladimir Stenberg. Sein erst 1978 verwirklichter Entwurf von 1919 erforscht in konstruktivistischer Manier die temporale Dynamik des Raumes. Das energiegeladene Ausgreifen der auf einen dreibeinigen Sockel gestellten Stahlkomposition bemächtigt sich des umgebenden Raums und definiert ihn in kraftvoll sich fortsetzenden Linien. Stenbergs Forderung, Kunst solle sich „Through a Sequence of Space“ entfalten, hat der Ausstellung ihren n gegeben. Im Kontext der Ausstellung wird Stenbergs Arbeit zum Stellvertreter der These, das jedwede Basis einer rauminteressierten und installativen Kunst, ästhetisch wie theoretisch, in den Avantgardebewegungen der Moderne zu finden ist, deren Ideale immer noch gültige Inspiration für zeitgenössische Künstler liefert.

Galerie Nordenhake, Zimmerstraße 88-91, bis 27. Juli; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr

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