Kultur : Die Schönheit der Wunden

SUSANNA NIEDER

"Liebe ist Schmerz", sagt gleich zu Anfang einer in eine Runde von Bohemiens, als spräche er mit begriffsstutzigen Kindern.Damit ist das Feld abgesteckt, die Katastrophe kann vor aller Augen ihren Lauf nehmen."Paß bloß auf" raten die Freunde des einen Liebenden ihm: "Diese Säcke aus der feinen Gesellschaft lassen dich fallen wie eine heiße Kartoffel, wenn sie mit dir fertig sind." Der Liebende heißt George, kommt aus der Arbeiterklasse und hofft, er habe alles im Griff.Sein Geliebter ist Francis Bacon, der berühmteste englische Maler seiner Generation - ein Mann, der weiß, daß seine Gefühle nie von Dauer sind.Der das nicht verhindern kann.Der ihn quälen wird bis aufs Blut, bis in den Tod.Und dabei selbst leiden wird.

"There is no beauty without the wound" ist dem Film "Love Is The Devil" als Motto vorangestellt: Es gibt keine Schönheit ohne Wunde.Für seinen Spielfilm über Francis Bacon hat Regisseur und Drehbuchautor John Maybury dessen Zeit mit George Dyer gewählt, weil ihn die Bilder, die aus dieser Beziehung entstanden sind, am meisten interessieren.Ähnlich wie Jacques Rivette in "La Belle Noiseuse" spürt er der Dynamik zwischen Künstler und Muse nach, und wie bei diesem zahlt der Mensch, der als Muse den Zusammenprall mit dem gestaltenden Genie aushalten muß, einen horrenden Preis.Natürlich zahlt auch der Künstler, doch der schafft hier aus der mörderischen Beziehung immerhin die Flamme (und erntet den Ruhm), während der andere unter grausigen Torturen verbrennt.

Daß John Maybury selbst Bildender Künstler ist, sieht man in jeder Einstellung.Verzerrten Detailaufnahmen, die nachvollziehbar Bacons Wahrnehmung spiegeln, stellt er Bilder von der Ruhe und Zurückgenommenheit eines Edward Hopper gegenüber.Mal nimmt der Zuschauer die Perspektive des Künstlers ein, dann wieder die der Leinwand, die bemalt werden soll.In Momenten der Selbstreflexion sitzt Bacon in einem Fotoautomaten, während der Betrachter ihn durch das Objektiv sieht.Die Balance ist perfekt.

Ein solcher Film braucht einen Mittelpunkt von entsprechendem Gewicht.Derek Jacobi, wie viele seiner prominentesten Kollegen aus der Royal Shakespeare Company hervorgegangen, besitzt eine Ausdrucksfähigkeit (und zufällig auch eine verblüffende Ähnlichkeit mit Francis Bacon), die ihn für diese Rolle geradezu prädestiniert.Abgründe an Sadomasochismus, an Gefühlskälte und bitterer Leidenschaft tun sich auf, sprachlich ausgedrückt in dem Idiom, das zum Aufbauen von Schutzwällen geeignet ist wie kein anderes: dem geschliffenen, klirrenden Akzent der upper class.Sein Gegenüber Daniel Craig spielt George Dyer mit seinem gesamten Körper, die Qual drückt sich ebenso in seinen nervösen Fingern aus wie in seinen Augen, Lippen, Schultern.

"Studie für ein Portrait von Francis Bacon" hat Maybury seinen Film genannt.Damit wollte er klarstellen, daß er sich zwar an Fakten gehalten hat, aber trotzdem seine subjektive Interpretation der Ereignisse zeigt.Er ist damit der Wahrheit wahrscheinlich sehr viel näher gekommen als mancher, der schlankweg das Leben eines Künstlers zeigen wollte.

Broadway, Delphi, Moviemento, Nord

Xenon (alle OmU) und Kant

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