Kultur : Die Schönheit des Knisterns

NILS MICHAELIS

Was man mit einem Pole-Filter macht? Stefan Betke lacht: "Filtern natürlich!" Klar, filtern, hätte man sich denken können, dumme Frage."So ein Filter ist ein Standardgerät in jedem Tonstudio, das ist nichts besonderes." Nichts besonderes, wenn sie heil sind, muß man anmerken.Stefan Betkes Pole-Filter indes war defekt und fabrizierte ein seltsames Knistern, Bruzzeln und Knacken.Geräusche, die dem Tontechniker gefielen - so sehr, daß er ein Musikprojekt namens "Pole" aus der Taufe hob und zwei CDs veröffentlichte, die schlicht "Pole 1" und "Pole 2" hießen.Inzwischen mag Betke aber auf sein defektes Effektgerät nicht mehr angesprochen werden."Die Kombination der Klänge ist es, nicht der einzelne Effekt", sagt er.Eine Verbindung von Sounds, die in dieser Form tatsächlich neu war.Inzwischen erntet der seit zwei Jahren in Berlin lebende Klangpionier internationales Lob.Die französische Tageszeitung "Liberation" feierte ihn als "verrückten Klangforscher, dessen Werk trotzdem nicht als irre oder rigide erscheint.Ein deutscher Ästhet."

Wie der Typ des weltabgewandten "verrückten Klangforschers" erscheint der aus Düsseldorf stammende Betke aber ganz und gar nicht.Ein ausgeschlafener Bursche, der die Zuversichtlichkeit eines gewissenhaften Handwerkers ausstrahlt und dabei immer für einen Scherz zu haben ist.Doch hinter dieser umgänglichen Benutzeroberfläche steckt eine vielschichtige musikalische Sozialisation: "Ich bin vom Jazz der New Yorker Schule beeinflußt, von John Zorn, Arto Lindsay und Fred Frith.Ich habe mich immer für den Minimalismus der sechziger Jahre interessiert, ebenso für Stockhausen, serielle Musik und vor allem John Cage." So blickt er aus einem fremden Kontext auf die aktuelle elektronische Musik, auf Techno und House, bedient sich ihrer Mittel und Klänge, ohne aber ihre Methoden und Dramaturgien zu übernehmen.

Pole verschiebt die Akzente: "Ich hatte zunächst mit minimalisierten Drums experimentiert, was mich aber nie so recht überzeugte.Dann kam der kaputte Filter und ich ersetzte das Schlagzeug durch dieses Zufallsgeknackse." Nach diesem Zufallsprinzip sind bei Pole die Geräusche über die Stücke verstreut, wie die Farbkleckse auf den Bildern Jackson Pollocks.Gerahmt ist dies durch einen majestätisch schlingernder Baß, seinerseits im Dialog mit einem überraschend freundliche Akkorde und Melodiefetzen spielenden Keyboard.Nie aber stellt sich die Berechenbarkeit von House oder Technomusik ein.Betke: "Da mir heutzutage Aufmerksamkeit zukommt, wird häufig der Vergleich mit dem Techno und House gezogen.Aber ich kenne mich dort nur partiell aus, ich bin nicht wirklich mit der Technogeneration aufgewachsen."

Und wie sieht ein Pole-Konzert aus? Kann man einen Mann im innigen Dialog mit seinem Laptop beobachten? Betke verspricht: "Synthesizer, Mischpult und viele Effektgeräte.Es wird dubbig.Das Laptop muß aber schon sein.Ich hab halt nur zwei Hände."

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