Kultur : Die Schönheit des Zorns

Eine europäische Amerikanerin: zum Tod der Philosophin, Schriftstellerin und Provokateurin Susan Sontag

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Sie war das Gewissen Amerikas. Dafür hat man sie hoch geschätzt – und bewundert. „Lasst uns gemeinsam trauern. Aber lasst nicht zu, dass wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben. Ein Körnchen historischen Bewusstseins könnte uns dabei helfen, das Geschehene und das Kommende zu verstehen.“ Dies schrieb sie unmittelbar nach den Terroranschlägen des 11. Septembers – sie hielt sich als Gast der American Academy in Berlin auf: „Unser Land ist stark, wird uns wieder und wieder gesagt. Ich finde dies nicht unbedingt tröstlich. Wer könnte bezweifeln, dass Amerika stark ist? Aber Stärke ist nicht alles, was Amerika jetzt zeigen muss.“

Susan Sontag, die Philosophin, die Kunsttheoretikerin, die Schriftstellerin, hat Antworten gesucht auf die unvorstellbaren Gräuel des 20. Jahrhunderts. Und das Individuum verteidigt – gegen die falschen und tödlichen Fantasien der Macht. Ende der Siebzigerjahre, nach dem Ausbruch ihrer Krebserkrankung, schrieb sie den epochalen Essay „Krankheit als Metapher“. Darin schlägt sie den Atem beraubenden Bogen von medizinischen und moralischen Gemeinplätzen über Krebs zum Massenmord: „Die modernen totalitären Bewegungen, die rechten ebenso wie die linken, waren besonders geneigt, Bilder aus dem Bereich der Krankheit zu gebrauchen. (...) Das europäische Judentum wurde zu wiederholten Malen mit der Syphilis gleichgesetzt und mit einem Krebs, der ausgeschnitten werden müsse.“ Zehn Jahre später folgte „Aids und seine Metaphern“ – ein Plädoyer gegen inhumane Panik, wie nach dem 11. September.

Geboren wurde sie am 16. Januar 1933 als Tochter einer New Yorker jüdischbürgerlichen Familie. Mit 14 wurde Susan Rosenblatt von Thomas Mann zum Tee geladen, die Jugendliche verschlang Enzyklopädien – und Edgar Allan Poe. Mit 16 begann sie ihr Studium der Philosophie und Literatur, zunächst in Chicago und Berkeley, in Harvard promovierte sie über Paul Tillich. Sie ging für ein Jahr nach Paris und unterrichtete nach ihrer Rückkehr nach New York an der Columbia University. Eine gemeinsam mit ihrem Mann, dem Soziologen Philip Rieff verfasste Studie über Freud und die moderne Kultur erregte erste Aufmerksamkeit. 1963 veröffentlichte die junge Akademikerin ihren ersten Roman „Der Wohltäter“, ein freudianisches Capriccio, aber erst mit „The Volcano Lover“ (1992) landete sie auf den US-Bestsellerlisten. Berühmt wurde sie mit ihren Essays.

Susan Sontag, die Melancholikerin. Schon die frühen Arbeiten standen unter dem „Zeichen des Saturns“ (so ihr Essayband von 1982) und forderten vom Intellektuellen die typische Begabung des Melancholikers, dem Leid der Welt nachzufühlen. Und stets verlangte sie die Identifikation mit dem leidenden Künstler. 1964 erschienen „Notes on Camp“ und ihr Epoche machender Essay „Against Interpretation“. Er endete mit den berühmten Zeilen: „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.“ Sontags Texte zur Ästhetik haben bis heute Gültigkeit. 1969, auf der Höhe des Vietnam-Protests, drehte Sontag einen Dokumentarfilm über den Yom-Kippur-Krieg, und wurde für ihre pro-palästinensische Haltung scharf kritisiert.

Susan Sontag, die Europhile. Für die amerikanische Öffentlichkeit entdeckte sie den in Deutschland als rechten Außenseiter verrufenen Regisseur Hans-Jürgen Syberberg und provozierte erneut – noch vor André Glucksmann – mit ihrer Kritik des real existierenden Sozialismus als „erfolgreichen Faschismus“. 1993 inszenierte Sontag im belagerten Sarajewo „Warten auf Godot“. Bis zuletzt lebte sie immer wieder in Europa, in Frankreich, Spanien, Deutschland. Sie nannte sich gern „weltgrößte Germanistin, die kein Deutsch spricht“.

Susan Sontag, die Bilddeuterin. Noch grämte sich die Welt darüber, dass über den Irak-Krieg kaum verlässliches Fotomaterial zu erhalten war, da legte sie schon einen zornigen Großessay vor. „Regarding the Pain of Others“, im März 2003 in New York und bald darauf auch auf Deutsch erschienen, ist nicht nur eine Attacke auf die amerikanische Informationspolitik, sondern eine kunstvoll konstruierte Studie darüber, was Bilder überhaupt vermögen, von Laokoon bis Goya, von Robert Capa bis James Nachtwey. Mitleiden als Katharsis? Oder als Ruhigstellung?

Der Schluss, zu dem Susan Sontag gelangt, ist unbequem. Sympathie mit den Opfern, Empörung anhand der täglichen Schreckensbilder hält den Betrachter in einer hilflosen Passivität, so die streitbare Intellektuelle. Und: Bilder lügen. Auch diese alte Weisheit rüttelt Sontag noch einmal wach – und hält die Macht der Worte dagegen.

Die Reflexion über die Macht der Bilder ist ein Leitmotiv in Susan Sontags Werk, wie auch in der Biografie der langjährigen Lebensgefährtin der Fotografin Annie Leibovitz. Sontag war zwölf, als sie in einer Buchhandlung in Santa Monica Fotos aus dem Konzentrationslager von Bergen-Belsen sah. Eine Zäsur, wie sie 1977 in ihrem zum Klassiker avancierten Essay „On Photography“ schrieb. Wann immer darüber diskutiert wird, welche Bilder veröffentlicht werden sollen, sitzt sie in Gedanken mit am Tisch.

Am Dienstag ist Susan Sontag mit 71 Jahren in der Memorial-Sloan-Kettering-Klinik in New York an Krebs gestorben.

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