Kultur : Die schönste Frau der Welt ...

... ist ein Mann: Richard Eyres „Stage Beauty“ spielt mit den Geschlechterrollen

Julian Hanich

Ein nackter Männerhintern ist eines der ersten Dinge, die wir in diesem Film zu sehen bekommen. Und man darf wohl verraten, dass auch noch anderes Schöne ins Bild gerückt wird. Richard Eyres „Stage Beauty“ ist eine exquisite romantische Kostümkomödie, die sich vor den nackten Tatsachen des 17. Jahrhunderts nicht scheut. Dazu gehört, dass Frauen für einige Jahre auf den Bühnen des britischen Königreichs nichts zu suchen hatten. Deshalb gab es männliche Rampensäue mit weiblichen Hinterteilen. Wie Ned Kynaston, den der brave Chronist Samuel Pepys einst als die schönste Frau auf Londons Bühnen beschrieb.

Der drahtige Billy Crudup spielt ihn mit angemessen graziler Gespreiztheit. Wenn sein Kynaston als Desdemona auftritt, jubeln die Kritiker. Die Zuschauer kleben an seinen Lippen, und die adligen Groupies geraten in Verzückung – vor allem, wenn er ihnen nachher gegen ein kleines Entgelt seinen „Wächter am Tor“offenbart. So nennt er das mächtige Gehänge, das sich hinter den Kulissen seines ausladenden Rockes verbirgt.

Doch Kynastons Arbeitsplatz steht kurz vor dem Abbau – wegen der Machenschaften seiner Garderobiere Maria (Claire Danes), die sich nachts auf Untergrundbühnen schleicht: Dort gibt sie – als Frau! – die Desdemona. Als der König davon Wind bekommt, gibt er ihr prompt eine Chance. Das gefällt Kynaston gar nicht. Eine Frau, die eine Frau spielt – was soll daran Kunst sein?

Andererseits: Was der manieristisch agierende Kynaston unter großer Schauspielerei versteht, würde heute nicht mal als Tai-Chi im Park durchgehen. Erst mit dem Auftritt der Frauen weht ein Hauch von Stanislawski über die Bühne. Abgang: Kabuki-Künstelei, Auftritt: Naturalismus. Mit dieser These stellt der Film vergnügt die Theatergeschichte auf den Kopf. Ünd nimmt es auch sonst mit der Historie nicht so genau. Hat der tuntige König Charles II. (Rupert Everett) tatsächlich wie ein beleidigter Hollywood-Produzent ein Happyend für „Othello“ gefordert? Und hat sich der Duke of Buckingham (Ben Chaplin) damals schon in Schwulensaunas herumgetrieben? Egal.

Denn der Film hat zudem eine erfrischende Liebesgeschichte in petto. Natürlich ist Maria über beide Ohren in Kynaston verliebt. Ihr Problem: Der Mann in Frauenkleidern schlüpft gerne in Männerbetten. Sie muss also etwas tun, damit des Widerspenstigen Zähmung nicht zur verlorenen Liebesmüh’ wird. Woraus sich eine Komödie der Irrungen voller cleverer Dialoge entwickelt, eine Komödie, die spielerisch mit Hetero-, Homo- und anderen Sexualitäten jongliert. Erst am Ende gibt der Film sein fröhliches, die Stereotypen durch die Luft wirbelndes Geschlechterspiel zugunsten der klassischen Rollenverteilung auf. Wann ist ein Mann ein Mann? Wenn er sich als Mann erweist. Sein Wächter muss aufrechten Ganges durchs weibliche Tor schreiten. Und das ist nicht gut so.

In neun Berliner Kinos; OmU im Babylon Mitte

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