• DIE SCHÖNSTEN FRANZOSEN Meisterwerke aus dem Metropolitan Museum in Berlin: Monet makes the world go round

DIE SCHÖNSTEN FRANZOSEN Meisterwerke aus dem Metropolitan Museum in Berlin : Monet makes the world go round

Wie Paris nach New York kam: Das Sammlerpaar Henry und Louisine Havemeyer engagierte sich unermüdlich für die Moderne

Bernhard Schulz

Als Louisine Havemeyer wenige Tage nach Neujahr 1929 starb, hatte sie verfügt, 142 Objekte, vor allem Gemälde, aus ihrer und ihres verstorbenen Gatten Henry O. Havemeyers Sammlung dem Metropolitan Museum zu schenken. Darüber hinaus durfte das Museum weitere Arbeiten nach Gutdünken auswählen. So kamen knapp 2000 Werke ins Museum, von japanischen Drucken über islamische Keramiken bis zu Altmeistergemälden von Rembrandt oder El Greco.

Den überraschendsten Teil der Schenkung aber machten die französischen Gemälde des 19. Jahrhunderts aus, die Louisine Havemeyer bevorzugt gesammelt hatte. Diese Werke stammten nicht von den um 1900 in den USA beliebten Akademiekünstlern. Im Gegenteil: Es handelte sich um die Modernen, von Edouard Manet über die Impressionisten bis zu van Gogh. Keine zweite Privatsammlung gab es zu diesem Zeitpunkt, die mit derjenigen der Havemeyers in Sachen französischer Moderne hätte konkurrieren können. Und sie war nicht erst nach der Jahrhundertwende entstanden, als der Impressionismus auch in seinem Heimatland Frankreich museale Weihen empfing, sondern zuvor.

John Rewald, der Historiograph der impressionistischen Bewegung, hat die amerikanische Großbourgeoisie des späten 19. Jahrhunderts so charakterisiert: „In ihrem Bedürfnis, die ethisch nicht immer einwandfreien Mittel zu verschleiern, mit denen ihre immensen Vermögen zustande gekommen waren, verwandelten sich die amerikanischen Räuberbarone in Helden der Kultur, die Schiffsladungen voll mittelmäßiger Gemälde importierten und ihre Wohnsitze mit echten oder gefälschten Antiquitäten vollstopften.“

Nicht so die Havemeyers. Sie vertrauten auf ihr eigenes Urteil. Schwerreich geworden durch einen Zuckerkonzern, verfügte der Geschäftsmann Henry Havemeyer über Mittel, neben Häusern in New York und auf dem Land beständig Kunst zu kaufen. Und seine Frau tat es ihm gleich – nach eigenem Geschmack. Sie war befreundet mit der amerikanischen Impressionistin Mary Cassatt, einer Tochter aus gutem Hause, die in Paris lebte und ihre zumeist mittellosen Malerfreunde den reichen Gönnern in Übersee anempfahl. Und dann gab es den Freund und Händler der Impressionisten, Paul Durand-Ruel, der sich bereits 1886, – im Jahr der letzten der acht Gruppenausstellungen der Impressionisten in Paris! – mit 300 Arbeiten nach New York einschiffte, um den amerikanischen Markt für die zu Hause verachteten Avantgardisten zu erobern.

Der Erfolg blieb durchwachsen, doch ermutigte er Durand-Ruel zur Eröffnung einer New Yorker Filiale. Andere Pariser Galeristen zogen gleich. Monet galt einer kleinen Sammlerelite als bedeutendster der neuen französischen Maler; amerikanische Künstler sollten bald darauf zu Monets Gartenresidenz in Giverny pilgern. Es gab erste Einzelausstellungen von Monet in New York und Boston, den Zentren des Ostküsten-Großbürgertums – und der ersten großen Museen wie dem 1870 gegründeten Metropolitan in New York. Zu dieser Zeit, Anfang der 1890er Jahre, kostete ein Gemälde von Monet 500 Dollar, während akademische Landschaftsmaler oder die den Impressionisten vorausgehende „Schule von Barbizon“ leicht ein Vielfaches erzielten.

Neben den Havemeyers gab es weitere ambitionierte Sammler. So begann ein Immobilienmakler aus Chicago, Palmer Potter, Impressionisten en gros zu sammeln, 44 Werke allein 1892. Im Jahr darauf fand in Chicago eine Weltausstellung statt, bei der das offizielle Frankreich sich ausschließlich mit Salonmalerei präsentierte, während eine unabhängige Parallelausstellung französische Moderne aus Privatbesitz zeigte. Dass Durand-Ruel 1894 auf Grund wachsender Händlerkonkurrenz aus Paris neue Galerieräume uptown bezog, in einem Haus der Havemeyers, illustriert die Erfolgsgeschichte der Impressionisten in Amerika.

Nach Havemeyers Tod 1907 fühlte sich seine Witwe freier in ihren Entscheidungen. Der „Zucker-Papst“, wie ihn eine deutsche Karikatur dargestellt hatte, sammelte zuvor querbeet, aber vornehmlich Alte Meister. So erwarb er gezielt für sein Stadthaus acht Rembrandts. Die Schenkung an das Metropolitan, die Louisine verfügte, spiegelt die Breite der Sammlung. Vieles daraus wurde wieder verkauft: So stammt Münchens berühmter Manet, „Das Frühstück im Atelier“, aus der Sammlung Havemeyer.

Das Metropolitan Museum hatte bereits seit Anfang der 1890er Jahre Leihgaben von Henry Havemeyer erhalten. Gleichwohl wurde ihm ein Sitz im Stiftungsrat des Museums verwehrt. Die Feindschaften unter den Superreichen gingen tief. Louisine Havemeyer war nicht nachtragend. Den Gedanken, die Sammlung zum Andenken an ihren Gatten dem Museum zu vermachen, verfolgte sie seit seinem Tod. In ihrem Testament bestand sie darauf, die gestifteten Werke in die verschiedenen Abteilungen zu integrieren. Nur ein Mal, 1930, wurde die Schenkung im Metropolitan geschlossen gezeigt. „Gemessen an ihrer Qualität“, urteilt Frances Weitzenhoffer, die die Sammlungsgeschichte erforscht hat, „mögen diese Schätze das größte Geschenk an das Museum überhaupt gewesen sein.“ Nun kommen sie nach Berlin.

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