Kultur : Die schöpferische Kraft des Feuers

KATRIN BETTINA MÜLLER

Wäre die Erde eine Scheibe, würde Werner Knaupp wahrscheinlich ihre Ränder skizzieren.Seit den sechziger Jahren gehört das Reisen und Eindringen ins Unwegsame zu dem Handwerk des fränkischen Malers, der erlebt und durchlitten haben will, was er auf das Bild bringt.

In der Sahara fand seine Suche nach dem Absoluten 1964 zum ersten Mal Nahrung in der Realität.Man hätte seine Federzeichnungen, die sich auf wenige vertikale Zonen und Horizontlinien beschränkten, auch für einen bloß formalen Aufbruch in Reduktion und Monochromie halten können.Doch Werner Knaupp, erfahrungshungrig, erlaubte sich die Abstraktion nur als persönlichen Endpunkt des eingedampften, kondensierten Erlebens.

Seitdem skandieren Expeditionen seine Biographie und gliedern das Werk in Abschnitte: 1964 Sahara, 1966 Lofoten, 1972 Antarktis, 1974 fuhr Knaupp quer durch Afrika, im Jahr 1984 bereiste er ausgiebig Japan.So ist er beinahe zu einem Kartographen ur- und endzeitlicher Landschaften geworden.In der Charlottenburger Galerie Hartmann & Noé stellt Knaupp nun seine Vulkanbilder aus dem letzten Jahr vor, alle auf den Tag genau datiert wie ein tägliches Protokoll der Urgewalten (Preise der Gemälde jeweils 10 000 Mark).

1987, mit einundfünfzig Jahren, begann der Maler, der bis dahin fast nur mit dem Schwarzweiß von Tusche und Kugelschreiber gearbeitet hatte, Pastellkreiden zu nutzen, deren satter Farbreichtum in den Vulkanbildern aufblüht.Die Pigmente, von einer Konsistenz wie Erde und gemahlene Lava, verteilen sich wie Aschewolken, durch die noch Funken glimmen, wachsen wie rosa Schimmel am Kraterrand hoch und bilden rote Krusten dort, wo die ausgespuckte Lava noch während des Fluges in der Luft zu erkalten beginnt.

Doch trotz dieser Sinnlichkeit des Materials mutet Knaupps Beharren auf dem realen Erlebnis als Referent der Form seltsam an.Die Kraterränder, scharf geschnitten und dünnwandig, sehen wie genau konstruierte Kessel aus; kein Detail, kein Fels, keine Geländefalte unterbricht ihre Krümmung.Werner Knaupp variiert das Motiv des angeschnitten Kegels und der Perspektive immer wieder neu.Dieses Durchdeklinieren der Form wirkt wie ein kalkuliertes Abarbeiten am Zeichentisch, dem von dem physischen Erleben des Vulkans nicht mehr viel anhaftet.

Seit über dreißig Jahren beschäftigt Knaupp das Thema Vulkane und Feuer.Die Affinität zum Feuer als elementarer Kraft zeigte sich auch in seinen Materialien und Techniken.Er arbeitete mit Kohle, brannte Löcher in Zeichnungen von leidenden und schmerzenden Körper.Als er sich in den achtziger Jahren der Skulptur zuwandte, entschied er sich nicht zufällig für Eisen, ist doch im Feuer der Schmiede das den Göttern geraubte Element lebendig.Wie übriggebliebene Schlacke hielten seine Eisenskulpturen die zugleich destruktive und schöpferische, mithin paradoxe Kraft des Feuers fest.

Als Maler bringt Knaupp den Betrachter immer wieder an Punkte, die alles andere ausschließen: man vergißt sich als Sehenden und verschmilzt mit dem Gesehenen.In seiner "Steinernen Stadt", einer zwölfteiligen Arbeit, kommt ihm die lange Erfahrung der farblichen Beschränkung zugute.Fast silbrig glänzen die spitzen Zacken der Felsen, die schroff und steil verkantet den Blick absperren.Hier geht es nicht weiter, kein Durchdringen, keine Umkehr möglich.Ende der Welt.

Galerie Hartmann & Noé, Knesebeckstraße 32, bis 15.Mai; Dienstag bis Freitag 11-18.30, Sonnabend 11-14 Uhr.

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