Kultur : Die Schrecken der Malerei sind andere als die des Lebens

PETER HERBSTREUTH

Heinrich Himmler im Schnee: Neue Bilder des belgischen Malers Luc Tuymans in der Galerie GebauerVON PETER HERBSTREUTHDer belgische Maler Luc Tuymans ist vor allem für seine Auseinandersetzung mit der Shoah, mit jüdischen Gelehrten und mit der Kollaboration von Belgiern mit den Nazis bekannt.Offenbar reizt ihn nun die Hauptstadt des Terrors von einst.Er hat für die Ausstellung in der Galerie Gebauer neun neue Bilder gemalt.Sie drehen sich um eine Anekdote des Architekten Albert Speer, der nach Inspektionen in Arbeitslagern dem Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, ein Telegramm schickte, er, Speer, denke, den Häftlingen stünde entschieden zuviel Platz zur Verfügung.Nach der Telegrammaufgabe fuhr er mit seiner Frau in die Skiferien. Offenbar ist Tuymans von der Banalität des Bösen überzeugt.Der Assoziationsraum, in dem sich sportliche Freizeitinteressen mit Tortur und Entscheidungen nationaler Tragweite verbinden lassen, Privates und Öffentliches bruchlos ineinanderübergehen, Sachbezogenheit moralfrei nebenbei geäußert wird, legt nahe, daß das Unzusammenhängende zusammengehört.Tuymans tappt nicht in die Betroffenheitsfalle.Was er wollte, war, eine Ausstellung über Architektur und Schnee zu machen."Mir war wichtig, mit dieser Ausstellung eine Atmosphäre zu schaffen, die meine früheren Arbeiten über dieses Thema wie in Zeitlupe vorbeiziehen läßt, um diese nicht ohne Kontroverse wieder betrachten zu können", kommentiert er seine Absichten. Wir sehen Fallschirmspringer, die landen, ein Skifahrer, der in den Schnee fällt, Landschaft, über die sich Frühnebel legt.Kein Motiv verrät die Anekdote, aber alle Bilder über jene Zeit lassen sich darauf beziehen.Darin liegt ihre politisch-ästhetische Behauptung.Neben dem einzigen Porträt, in dem das Böse ein wenig plakativ erscheint, dem Porträt Himmlers, hängt eine Leinwand, auf der Tuymans Löcher und Flecken auf seiner Atelierwand im Verhältnis 1:1 übertragen hat.Hier kommt die Ausstellung zu sich selbst.Das ganz und gar Unerhebliche hängt neben dem ganz und gar Lebensbedrohenden auf engstem Raum nebeneinander und verdeutlicht, daß das Porträt Himmlers mit gleichen Sorgfalt gemalt ist wie der Schmutz an der Atelierwand, um ein schönes Bild zu werden. Ein Maler reagiert mit den Mitteln der Malerei und muß auch mit Klischees umgehen.In das Gesicht Himmlers wirft sich der Schattenriß von Hitlers Profil und wird von einem aus dem Dunkel blitzenden Auge erhellt, von dem unentscheidbar bleibt, ob es dem einen oder dem anderen gehört.Himmlers herrischer Geste widersprechen die Patschhände, die er auf Bauchhöhe hält.Was das Bild als Bild rettet, ist seine Vagheit und die Macht der Hell-Dunkel-Malerei.Insgesamt dominiert bläulich-schwindendes Licht, wie es sich auf Fotos zeigt, wenn man ohne Filter im Schnee fotografiert.Reflexion hat mit Transport zu tun.Speers Porträt im Schnee übernimmt Tuymans von Speers Urlaubsfilm eines Skiausflugs: ein gemalter Schnappschuß. Die Bilder werden durch das Thema nicht gerechtfertigt.Dennoch kommen sie nicht ohne geschichtlichen Zusammenhang aus.Malerei beweist nur des Malers Subjektivität.Auch deshalb sind Tuymans Bilder von so dezenter Blässe: schlicht aus Selbstsicherheit.Und dem Galeristen könnte geschehen, was Tuymans jüngst bei einer Eröffnung passierte.Jemand kam auf ihn zu: "Was für ein schönes Bild.Ich würde es gerne kaufen.Hat es einen Titel?" Und Tuymans sagte: "Ja, Gaskammer." Die Schrecken der Malerei sind andere als die des Lebens. Galerie Gebauer, Torstraße 220, bis 11.April; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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