Kultur : Die schrecklichen Kinder Biografie der Geschwister von Mendelssohn

Christina Tilmann

Sie sind jung, schön, reich, begabt, sie leben in einer aufregenden Stadt, einer spannenden Zeit. Sie sind, nach dem Tod des Vaters, allein in einer herrschaftlichen Villa im Grunewald, samt Park, Tennisplatz und Swimming-Pool, an den Wänden hängen Rembrandts, Guardis, Tiepolos. Es scheint, als ob das Schicksal den Geschwistern Eleonora und Francesco von Mendelssohn alles geschenkt hat. Allein: Glücklich sind sie nicht.

„Als hätten alle guten Feen an ihrer Wiege gestanden, um sie mit Schönheit, Reichtum und Talent zu segnen“, schreibt Elisabeth Bergner über ihre Freundin Eleonora, „und zum Schluss war die böse Fee gekommen, die man vergessen hatte einzuladen, und hatte das unschuldige Kind mit so giftigem Atem angehaucht, dass alle Segnungen zunichte wurden.“

Es ist eine Schlüsselgeschichte aus dem Berlin der zwanziger Jahre, das Leben dieser Geschwister, die das Berliner Pendant zu Erika und Klaus Mann in München bilden und jetzt endlich mit einer eigenen Biografie gewürdigt werden. Vielseitig begabt auch sie, musikalisch, theaterbesessen, feiern sie wilde Feste und sammeln um sich alles, was in der Kulturszene der Golden Twenties Rang und Namen hat: Musiker wie Edwin Fischer – Eleonoras erster Mann –, und Vladimir Horowitz, den eine Liebschaft mit Francesco verbindet, Theaterköpfe wie Max Reinhardt, Ödön von Horvath und Gustaf Gründgens, Filmgrößen wie F. W. Murnau. Aber auch Boxer und Matrosen, Stricher und Schmarotzer.

Für Klatsch und Tratsch haben sie gesorgt, diese beiden Paradiesvögel aus dem Grunewald. Doch nicht nur: Wie die soeben erschienene Biografie von Thomas Blubacher zeigt, sind sie Protagonisten des Berliner Theaterlebens der zwanziger Jahre. Eleonora, Patenkind der berühmten Duse, hat sich schon als 15-Jährige hoffnungslos in Max Reinhardt verliebt und beginnt eine vielversprechende Theaterkarriere. Francesco ist Schüler von Pablo Casals, spielt Cello mit Adolf Busch, Rudolf Serkin und Albert Einstein und wechselt dann als Regisseur ans Theater. Beide beobachten sie Max Reinhardts Triumphe, den Aufstieg des Gustaf Gründgens, aber natürlich auch das Aufkommen der Nationalsozialisten. Am Ende steht für beide das Exil in New York: „Man kann nicht Mendelssohn heißen und sich nicht auf die jüdische Seite stellen“, sagt die – protestantisch getaufte – Eleonora 1933.

Es ist eine strahlende Geschichte, und eine tragische. Eine, die in Morphiumsucht und Selbstmord (Eleonora), in Alkoholismus, Einsamkeit und Verzweiflung (Francesco) endet. Eine Geschichte davon, dass zu viele Gaben nicht glücklich machen. Die böse Fee hat ganze Arbeit geleistet. Christina Tilmann

Thomas Blubacher, Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht? Henschel Verlag Berlin, 448 S., 29,90 €. – Mit Eleonora von Mendelssohn befasst sich heute die „Lange Nacht der Mendelssohn-Frauen“, Jägerstraße 51, 19-24 Uhr, Eintritt frei.

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