Kultur : Die Schrift der Seele

KATRIN BETTINA MÜLLER

Unermüdlich und keinen Schritt vom historisch vorgezeichneten Weg abweichend trägt das Brücke-Museum in Berlin-Dahlem zum Ruhm jener Malergruppe bei, die ihm den Namen gab. Beim Publikum bleiben die deutschen Expressionisten ein Dauerbrenner. So werden mit jeder Ausstellung ein paar feinere Details zwischen den festgefügten Eckdaten sichtbar: Diesmal geht es um die Sammlung Gabler, die größte erhaltene Kirchner-Sammlung in Privatbesitz, die sich seit 1993 als Dauerleihgabe im Brücke-Museum befindet.Als der Frankfurter Kaufmann Karlheinz Gabler in den fünfziger Jahren zu sammeln begann, interessierte er sich neben Kirchner auch für die Anfänge des deutschen Informel bei Bernard Schultze, Karl Otto Goetz, Fritz Winter und E. W. Nay. Das scheint seine Aufmerksamkeit für die Spontaneität der zeichnerischen Schrift und ihren Gestus unabhängig vom Motiv geschärft zu haben. So wiederholt seine chronologisch aufgebaute Sammlung von 118 Kirchnerzeichnungen nicht nur die bekannte Geschichte des Expressionisten, sondern beleuchtet auch dessen späte Versuche, Linie und zeichnerischen Duktus vom Gegenstand zu lösen. Sie wird zu einer Chiffrenschrift, in der sich die eigene Befindlichkeit niederschlägt.Zu den ersten Blättern gehören die mit fetten Kohlestrichen hingewischten Elbkähne (von 1910), deren langsames Gleiten man fast als Zeichen jener Beschaulichkeit nehmen kann, aus der die Brücke-Maler einen Ausweg suchten. Für ihre programmatische Orientierung an elementaren Themen und Formen stehen die schnell und mit wenigen Strichen gezeichneten Akte. Im Aquarell "Fränzi mit Bogen und Akt" sorgen dabei die blauen Konturen und leuchtenden Binnenfarben für eine exotische Verfremdung, die die Szene weg aus der sächsischen Heimat in eine Zeit vorgeschichtlicher Ursprünglichkeit versetzt.Der kurze Traum vom Paradies zersplittert mit der Ankunft in Berlin 1913. Schroff, nervös und fast mit ablehnender Härte zeichnet Kirchner klassische Großstadtszenen wie "Bordell" und "Café Chantant I". Anders als in den Graphiken von Otto Dix, die noch in der Berliner Grundkreditbank ausgestellt sind, ist bei Kirchner kaum etwas von der Liebe zum Grotesken, der Neugierde auf das Leben der Huren und dem Auskosten der Ambivalenz zwischen Sympathie und Anklage spürbar. Kirchners Zeichnungen registrieren Unruhe, Hektik, Aggression, aber keine Identifikation mit dem Widersprüchlichen und dem Potential des sozialen Umbruchs.Verblüffend gleichen sich das Portrait eines "alten Bauern" und ein "Selbstbildnis im Morphiumrausch", beide 1917 entstanden. Die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges und von Kirchners Sanatoriumsaufenthalten scheinen sich in die Krakel und düsteren Strichballungen eingegraben zu haben. Aber dieses flackernde Helldunkel entwickelt sich in einigen Tuschzeichnungen zu einem Neuansatz, aus starken Kontrasten heraus zu erzählen und die bezeichnende Kontur immer weniger zu beanspruchen.In anderen Blättern dagegen entwickelt die Linie ein dekoratives Eigenleben. In "Wigman-Tanz" (1932/33) versuchte Kirchner mit durchgezogenen Linien, Schlaufen und sich überschneidenden Flächen dem Taumel des Tanzes und der Polyperspektivität des Kubismus nahezukommen. Eine Zeichnung von "Schlittschuhläufern" (1933) erinnert in ihrer Verspieltheit und Leichtigkeit gar ein wenig an Paul Klee.Die Zeichnungen, die nur bei 50 Lux gezeigt werden dürfen, verraten mehr als die Malerei Kirchners von dem Versuch, die Bildwerdung selbst als eigenes Thema zu begreifen und von motivischen Vorgaben zu lösen. Wenn er auch seit 1917 in der Schweiz lebte, so wird doch die öffentliche Diskriminierung seines Werkes in Deutschland als "entartet" diesen Prozeß sehr erschwert haben. Für den 17jährigen Karlheinz Gabler aber war die Münchner Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 die entscheidende Begegnung mit dem Expressionismus, die den Grund für seine Sammelleidenschaft legte.

Brücke-Museum, Bussardsteig 9, bis 12. September. Katalog, erschienen im Hirmer Verlag, an der Museumskasse 44 Mark.

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