Kultur : Die Schriftstellerin feiert heute ihren 80. Geburtstag

Ursula Vogel

Mit ihrem ersten Roman im Gepäck und dem kleinen Sohn Peter an der Hand kam die 30-jährige Doris Lessing im Nachkriegs-London an. Hinter ihr lag die britische Kolonie Rhodesien, das heutige Zimbabwe. Ihr Vater, ein ehemaliger Offizier, hatte dort glücklos eine Farm betrieben. Mit vierzehn war Doris May Tayler den Eltern davongelaufen, um sich in Salisbury als Kindermädchen und Bürokraft durchzuschlagen. Nach früher Ehe und Scheidung heiratete sie den deutschen Exilanten Gottfried Lessing, den sie damit vor der Internierung bewahrte. Mit ihm engagierte sie sich in einer kommunistischen Gruppe.

1949 trennten sich ihre Wege: Gottfried Lessing ging in die DDR (als deren Botschafter in Uganda er beim Sturz Idi Amins ermordet wurde), Doris nach London, wo sie der Kommunistischen Partei beitrat (und ihr bis 1956 angehörte). 1950 erschien mit ihrem ersten auch ihr gelungenster Roman, der sie sofort zur anerkannten Schriftstellerin machte. Ihre Stimme sollte zukünftig Gewicht haben in politischen und kulturellen Dingen. In der "Afrikanischen Tragödie" nimmt Doris Lessing am Beispiel einer weißen Protagonistin und ihres schwarzen "Boys" die komplexe Verschränkung von kolonialen Strukturen und patriarchaler Geschlechterordnung in den Blick. Auch im Romanzyklus "Kinder der Gewalt" (1952-1969) geht es zunächst um Afrika. Lessing erzählt die Geschichte der Martha Quest, die, ganz wie ihre Autorin, gegen Eltern und Gesellschaft rebelliert. In diesem "Bildungsroman" entwickelte sie verschiedene Formen der Selbstsuche und Entfaltung. Sie verfolgt die Geschichte ihres novellistischen Alter Ego weiter nach England und in die Zukunft hinein.

In Deutschland war es die Frauenbewegung der späten 70er jahre, die die Autorin ins öffentliche Interesse rückte. Als der Fischer Verlag "Das Goldene Notizbuch" (1962) von Doris Lessing als "einmalige Jubiläumsausgabe" herausbrachte, gingen Hunderttausende von Exemplaren über den Ladentisch. Dabei hatte Lessing überhaupt nicht beabsichtigt, eine Fibel des Feminismus zu schreiben, sondern einen Roman, der durch das breite Erfahrungsspektrum seiner Protagonisten das intellektuelle und moralische Klima der Jahrhundertmitte repräsentieren sollte. Gleichwohl: die Hauptfiguren des Romans sind Frauen. Frauen, die sich aus Ehen gelöst haben, die neue Beziehungen eingehen, beruflich wie privat. Frauen, die nach politischer Identität suchen und sie mit persönlichen Gefühlen zu vereinbaren trachten. Die Fragmentierung des Lebens inmitten der vielfältigen und zerreißenden äußeren und inneren Eindrücke und Forderungen - das ist der Impuls, der dem "Goldenen Notizbuch" zu Grunde liegt und diesem Roman auch seine, in verschiedenen Notizbüchern fragmentierte Form gibt. Doris Lessing selbst reagierte recht verärgert auf die "feministisch eingeengte" Wahrnehmung dieses Werks. Ungeachtet ihrer Proteste ist "Das Goldene Notizbuch" längst eingegangen in die Literaturgeschichte als Lessings viellecht wichtigstes Buch.

In den meisten ihrer über zwei Dutzend Romane schöpft Doris Lessing aus autobiographischen Quellen. Sie verarbeitet ihre Erfahrungen mit Kolonialismus und Rassismus, ihre Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, den Geschlechterbeziehungen, das Ringen um künstlerische Artikulation, ihre Bewußtseinsüberschreitungen in psychischen Zusammenbrüchen. Ihre Romane sind Romane in bester realistisch-sozialkritischer Tradition.

Erwähnt werden muss noch die "spacefiction", wie sie sie nennt: "Canopos in Argos" ist der Titel ihres zwischen 1979 und 1983 entstandenen vierteiligen utopischen Epos, von dem viele Leser irritiert waren. Die realistsiche Schriftstellerin gab sich diesmal als kosmische Visionärin. Doris Lessing ist keine Sprachvirtuosin, keine ausgesprochene Stilistin. Sie ist eine große Autorin der Themen, ihres bewegten, wachen Lebens. Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag.

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