• Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck gab sich mit 27 als 17-Jährige aus und ging noch einmal zur Schule

Kultur : Die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck gab sich mit 27 als 17-Jährige aus und ging noch einmal zur Schule

Jenny Erpenbeck

Ich will die Geschichte eines Spaziergangs in der Zeit erzählen, die Geschichte eines großartigen und verzweifelten Betruges. Ich will wissen, wie schwer es ist, seine eigene Geschichte abzulegen wie einen Mantel, und welches Gewicht das Vergessen hat. Als ich eines Tages in den Spiegel blicke, wird mir klar, dass es für mich eine Möglichkeit gibt, diese Dinge in Erfahrung zu bringen: Mein Gesicht ist jung. An diesem Tag beschließe ich, mich in die elfte Klasse eines Gymnasiums einschulen zu lassen. Im Alter von siebenundzwanzig Jahren beschließe ich, siebzehn Jahre alt zu sein.

Für das, was ich in Erfahrung bringen will, ist vor allem die Täuschung meiner Mitschüler wichtig, deshalb entscheide ich mich für den offiziellen Weg. Nach einigen Telefonaten habe ich eine Schuldirektorin gefunden, die Verständnis für einen derartigen Mummenschanz im Dienste der Kunst aufbringt und meint, mich für einen Monat in ihre Schule aufnehmen zu können. Das Gymnasium, dem sie vorsteht, liegt im Westen Berlins. Es ist September, und das Schuljahr beginnt gerade.

Zwei Tage später stehe ich mit rasendem Herzen vor einer elften Klasse. Ich weiß, wenn nicht gleich in diesem Augenblick einer der Schüler mit dem Finger auf mich zeigt und fragt: Was will denn die Alte bei uns? - ist schon viel gewonnen. Und es zeigt keiner mit dem Finger auf mich, keiner lacht mich aus - also setze ich mich zwischen meine Mitschüler. Was muss ich vergessen? Ich muss vergessen, dass ich Auto fahren kann. Ich muss vergessen, dass ich studiert habe. Ich muss vergessen, dass ich eine eigene Wohnung habe. Ich muss vergessen, dass ich schon lange keine Jungfrau mehr bin. Was muss ich wissen? Ich muss meinen Namen wissen. Ich muss wissen, auf welchem Gymnasium ich vorher gewesen bin. Ich muss wissen, wo ich wohne. Ich gebe die Adresse meines Vaters an, der in der Nähe wohnt, und bitte ihn, falls ich einmal Schulkameraden mit nach Hause bringen sollte, mitzuspielen. Ich muss wissen, was ich später einmal werden will. Ich muss wissen, ob ich schon einen Freund habe.

Vom ersten Schultag an trage ich meine Haare offen und verzichte auf jegliche Schminke. Was die Kleidung angeht, studiere ich die Aufmachung der Mädchen in meiner Klasse. Die Mädchen riechen frisch gewaschen und gebügelt, riechen noch nach Kind. Sie sind kaum geschmückt und viel einfacher gekleidet, als ich erwartet hätte: Es gibt keine gefärbten Haare, keine Piercings, keine kurzen Röcke. Der einzige Schmuck sind geflochtene Armbändchen. Am nächsten Tag gehe ich los und kaufe mir geblümte Mädchenschlüpfer und eine Jeansweste, ich aktiviere meine weißen T-Shirts und die dunkelblauen Pullover zum Drüberziehen.

Meine Angst, ich würde mit dem Schulstoff Probleme haben - immerhin sind es nur noch zwei Jahre bis zum Abitur -, erweist sich in den meisten Fächern als unbegründet. Die Mathematik beginnt in diesem Jahr mit einer diagonal aufwärts führenden Linie: x = y, das ist begreiflich. Der Chemieunterricht des Westens ist ungleich leichter als damals in meiner Schule im Osten, niemand mehr muss ganze Reaktionsketten, wie sie in der Industrie verwendet werden, auswendig lernen - es wird nur noch irgend etwas zusammengeschüttet, das sich verfärbt. Einzig in der Geografie komme ich wie in einem Alptraum gerade recht, um zum zweitenmal mit Wolkenbildungen, Monsunrichtungen und Meeresströmungen in Abhängigkeit von der jahreszeitlich bedingten Stellung der Erdkugel zur Sonne traktiert zu werden. Und im Sportunterricht erweist es sich, dass ich die Spielregeln sämtlicher Spiele längst vergessen habe - ich bin eine Zumutung für jede Mannschaft.

Es dauert einige Tage, bis die Reflexe der braven Schülerin zum Erliegen kommen - mir fällt ein: Ich darf so dumm sein, wie ich will, und so faul, wie es mir passt, ich darf die schlechtesten Zensuren bekommen, ohne rot zu werden. Und so erlischt endlich jeder Ehrgeiz, jede Scham schwindet - denn keine noch so schlechte Zensur zieht irgend etwas Wirkliches nach sich.Von da an mache ich mir kaum mehr die Mühe, während der wenigen Zeit, die uns in Tests zur Verfügung steht, die Aufgaben auf meinem Zettel zu lösen, sondern ich versuche, meiner Banknachbarin Ruby möglichst viel vorzusagen.

Nachdem die erste Woche um ist, beginne ich mich zu wundern, wie leicht es ist, zehn Jahre jünger zu sein. Natürlich muss ich manche Themen umgehen, muss mir manche Antworten, die ich geben könnte, verkneifen, darf auch kein zu reges Interesse am Schulstoff zeigen, denn das wird misstrauisch beäugt, und sich gar in Diskussionen zu verstricken ist absolut uncool. Aber die Gespräche, die sich mit meiner Banknachbarin Ruby ergeben, kann ich ohne Unehrlichkeit führen. Wir sprechen wie von gleich zu gleich, vielleicht ist etwas mehr Ernst in dem, wie ich rede, denn während einem, wenn man auf die Dreißig zugeht, Albernheiten als Charme ausgelegt werden, bemüht sich einer, der wirklich jung ist, wenigstens in anderer Hinsicht keine Angriffsfläche zu bieten.

Jeden Tag stehe ich jetzt um halb sieben auf, jede Woche werden zwei bis drei Tests geschrieben, und wenn ich nach Hause komme, sitze ich bis spät in die Nacht an den Hausaufgaben. Die Schüler haben sich an mich gewöhnt, meine Freundin Ruby gesteht mir, dass sie einen Freund in der Parallelklasse habe. Eine andere Klassenkameradin kommt zu mir und schlägt vor, jeden Morgen zusammen zur Schule zu radeln - sie wohne gleich um die Ecke (die Adresse meines Vaters!). Das bedeutet: noch eine halbe Stunde eher aufstehen, in den Norden fahren, einen Bogen machen und aus dieser Richtung zum Treffpunkt kommen. Eine andere erzählt mir, dass sie am ersten Tag, als ich vor der Klasse stand, dachte, ich sei eine Lehramtsstudentin, weil ich ja doch etwas älter aussähe. Was, sage ich ganz empört, wieso sehe ich älter aus?! Naja, sagt sie, du siehst aus, als wärst du schon zwanzig oder einundzwanzig, aber ist ja egal.

Das Leben als Teenager beginnt, auch über den Tagesablauf hinaus, von mir Besitz zu ergreifen. Ich hatte schon zu Beginn der Schulzeit aufgehört, meine erwachsenen Freunde zu treffen. Jetzt aber beginne ich, für einen Sechzehnjährigen aus einer anderen Klasse zu schwärmen. Verwirrend ist, dass an manchen Tagen ein reger Blicktausch stattfindet, der zu kühnsten Hoffnungen Anlass gibt, an anderen Tagen aber scheint der Jüngling in meiner Gegenwart gänzlich ungerührt wie ein steinerner Apoll. Erst spät wird mir klar, dass der Rosige und der Steinerne Zwillingsbrüder sind. Und als sei nun ein ebenso pubertärer wie gründlicher Abschluss dieser Neigung fällig, stürze ich eines Morgens, als ich kurz vor acht mit dem Fahrrad in den Schulhof einbiegen will, vom Rad; stürze meinen schönen Zwillingen genau vor die Füße, und all den anderen, die dort vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde rauchend herumstehen und nichts Besseres zu tun haben, als mich auszulachen.

Ihr werdet euch noch mal nach der Schule zurücksehnen!, hatte meine frühere Klassenlehrerin immer geweissagt - nun, nach vier späten Wochen in der Schule, weiß ich, dass dieser Satz einzig und allein den Lehrern zur Rechtfertigung ihrer Existenz dient. Was für ein Genuss, nach vier erschöpfenden Wochen Schule sagen zu können: Es reicht! Als ginge für mich ein Traum in Erfüllung, den Generationen von Schülern geträumt haben: die Tür des Klassenzimmers hinter sich zuschlagen und Eis essen gehen! Ein schlechtes Gewissen habe ich nur meinen Klassenkameraden gegenüber, für die Ernst ist, was für mich Spiel war, die ich zurücklassen muss mit der Angst vor dem nächsten Test, die noch zwei Jahre Schule vor sich haben und die ich belogen, beobachtet, ausgehorcht habe. Ruby ist mir am nächsten - deshalb beschließe ich, den anderen die offizielle Lesart eines notwendigen Schulwechsels zu verkünden, ihr aber die Wahrheit zu sagen. Siebenundzwanzig, sage ich. Sie versteht nicht. Siebenundzwanzig Jahre alt bin ich in Wahrheit. Und da begreift sie schließlich, und kann es aber nicht glauben, und ich will ihr erklären, mich entschuldigen - da fängt sie auf einmal an zu lachen, sie lacht und lacht, unbändig, als habe ich ihr einen großen Scherz zum Geschenk gemacht.



Jenny Erpenbeck, geboren in Berlin, lebt als Opernregisseurin und freie Autorin in der Nähe von Graz. Ihr Buch "Geschichte vom alten Kind" (106 Seiten, 29,80 Mark) ist im Eichborn-Verlag erschienenJenny Erpenbeck, "Geschichte vom alten Kind" Eichborn-Verlag

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