Kultur : Die Schröder-Show

HARALD MARTENSTEIN

Im Wetterbericht gibt es seit ein paar Jahren den "Windchill-Faktor".Dank des Windchill-Faktors unterscheidet der moderne Mensch zwischen der tatsächlichen Temperatur und einer "gefühlten" Temperatur.Man könnte in den Biographien etwas ähnliches einführen, einen menschlichen Windchill-Faktor, der zwischen dem tatsächlichen und dem "gefühlten" Alter unterscheidet.Der künftige Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Beispiel ist 54 Jahre alt, sein sechzigster Geburtstag liegt in Sichtweite.Das wird uns jetzt vielerorts als eine "Machtübernahme der Jugend" verkauft.Das gefühlte Alter von Gerhard Schröder liegt offenbar weit niedriger als das tatsächliche, so ungefähr bei zweiunddreißig.

Warum es nicht offen aussprechen: Gerhard Fritz Kurt Schröder ist etwa genauso alt wie die keineswegs jungen CDU-Politiker Volker Rühe, Wolfgang Schäuble oder Eberhard Diepgen, und ein 68er ist er ebensowenig wie diese drei, obwohl die Zeitung "Die Welt" es in ihrem Leitartikel zur Bundestagswahl behauptet.Von solchen Dingen versteht die "Welt" noch immer nichts.Schröder hat 1968 zum ersten Mal geheiratet und in Göttingen Jura studiert, danach hat er sich um seine Karriere gekümmert.Das bedeutete für einen Juso, auch mal in besetzten Hüttendörfern aufzulaufen und sich die Haare lang wachsen zu lassen.Zur klassischen 68er Biographie gehört nicht nur eine Phase peinlicher politischer Irrtümer, in welcher der typische 68er Mao Tse-tung, Stalin oder Fidel Castro verehrte, es gehört auch eine Phase der zumindest ansatzweise erprobten Anspruchs- und Karriereverweigerung dazu.Taxifahren, wie bei Joschka Fischer.Die 68er sind eine Weile durchs Leben geschlendert, das war ein Protest gegen den zielsicheren Marschtritt ihrer Väter.Schröder dreht in seiner Biographie keine Kurve, er erlaubt sich keine Schnörkel, er will immer nur eines, er will nach oben.Nein, ein 68er ist Schröder nicht.Aber Schröder unterscheidet sich selbstverständlich von seinen Generationsgefährten bei der CDU, Gerhard Schröder ist anders als Rühe oder Diepgen, auch deswegen hat er jetzt triumphiert.

Schröder verkörpert, wie der Gitarrist Tony Blair oder der Saxophonspieler Bill Clinton, die Einheit von Pop und Politik.Die Pop-Politiker sind eine Erfindung, mit der die eher linken Volksparteien auf die Tatsache reagiert haben, daß ihre historischen Anliegen weitgehend erledigt oder überholt sind.Denn auch Pop ist eher links, und Pop ist inhaltlich nicht festzulegen, genau wie diese Politiker.Die Eroberung der Welt durch die amerikanische Popkultur hat im wesentlichen in den 60er Jahren stattgefunden, zur gleichen Zeit wie die 68er Revolte.Deswegen gab es hübsche Interferenzerscheinungen.Es gab Studenten, die gleichzeitig Mao und Stalin lasen, kifften und Jimi Hendrix hörten.Aber der Siegeszug der amerikanischen Popkultur hat auch solche Länder erfaßt, die mit den politischen Inhalten der deutschen 68er nicht das geringste am Hut hatten.Auch ohne Nazi-Väter, ohne antiautoritäres Aufbegehren und ohne die Renaissance eines Neo-marxismus konnte man sehr gut Jimi Hendrix hören, in Argentinien ebenso wie in Israel, Polen oder Island.In den 60er Jahren ist ein Lebensgefühl entstanden, das bis heute positiv besetzt ist, weil es sich mit keinem konkreten, folglich umstrittenen politischen Inhalt verbindet, sondern mit Forderungen, gegen die niemand unter der Sonne etwas sagen kann: jung sein, Spaß haben, geile Klamotten tragen.Das sind die geistig-moralischen Werte, an die ein moderner Pop-Politiker anknüpft.Auf die Pop-Politiker haben die Konservativen bis heute keine überzeugende Antwort gefunden.Nicht einmal die Lewinsky-Affäre hat so funktioniert, wie die Konservativen in den USA es sich erhofft hatten.Die Affäre wird Clinton verziehen, der Mechanismus der moralischen Anprangerung funktioniert nicht mehr, so wenig wie der antikommunistische Lager-Wahlkampf der CDU funktioniert hat.

Schröder unterhält sich leidlich locker mit Campino von den "Toten Hosen", Schröder spielt in der Fernsehserie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" mit.Schröder hat mit kritischen Interviewern keine Probleme, er braust dann nicht etwa autoritär auf, denn das wirkt uncool.Schröder hat Ehen und Ehebrüche öffentlich gemacht, es gibt zwischen dem Privaten und dem Politischen bei ihm keinen Unterschied.Auf diesem Weg konnte Kohl nicht folgen, aber genauso wenig konnten es Rühe, Schäuble, Diepgen oder Stoiber.Es gibt in der CDU keinen Pop-Politiker, außer dem stets gut gegelten Michel Friedman vielleicht, und der ist in der Partei kaltgestellt.Als Verjüngungsmedikament hatte Helmut Kohl seiner CDU Claudia Nolte verordnet.Claudia Nolte hat allerdings - Windchill-Faktor! - ein gefühltes Alter von 65 Jahren.Der laut Windchill-Faktor jüngste CDU-Politiker heißt seit zwanzig Jahren Heiner Geißler.Das konnte nicht gutgehen.

Der Politiker alten Typs, einer wie Helmut Kohl, kommt als Ersatzvater daher, als Autorität, es schimmert in seinem Auftritt noch eine Ahnung von Monarchie durch.Der Pop-Politiker ist ein Kumpel, egal, wie alt er ist.Bei einem Pop-Politiker ersetzt die Performance das Programm.Wofür die Rolling Stones, Michael Jackson oder die Spice Girls stehen, sieht man auf der Bühne.Widersprüchlichkeit ist kein Problem.Die Rolling Stones dürfen als Multimillionäre "Street Fighting Man" singen, dabei kommt es auf die Glaubwürdigkeit ihrer Bühnenshow an und auf nichts anders.Es gibt den Modellfall eines konservativen Pop-Politikers: Dieses Modell hieß Ronald Reagan.Gegen Ronald Reagan, den gelernten Schauspieler und Sportreporter, hätte Bill Clinton wahrscheinlich keine Chance gehabt.Die CDU braucht jetzt dringend einen Ronald Reagan: viel Glück.

Die Pop-Politiker treten als Duett auf.Wie Mick Jagger und Keith Richards: Man streitet sich, aber man trennt sich nicht.Kein Ronald ohne Nancy, kein Bill ohne Hillary, kein Tony ohne Cherie.Gerhard Schröders Performance hängt auch von Doris Köpf ab.Am Wahlabend erinnerte Doris Köpf allerdings stärker an Claudia Nolte als an Hillary Clinton.Windchill-Faktor: 60 Jahre.Das könnte im Laufe der Schröder-Show zu einem Problem werden.

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