Kultur : Die schüchterne Göttin

Superweib und Familienmensch: Zum 70. Geburtstag von Sophia Loren

Jan Schulz-Ojala

Hand aufs Herz: Ihr letzter Film, den sie kurzerhand zu ihrem hundertsten erklärte, ist ein bisschen peinlich. In „Zwischen Fremden“, worin ihr 31-jähriger Sohn Eduardo erstmals Regie führte, steht sie wie dauerangestrahlt auf einem Podest – und das als Supermarkt-Kassiererin, die unter der Knute eines behinderten Ehe-Tyrannen dahinvegetiert! Arg ätherisch bewegt sie sich im Gefängnis ihrer Wohnküche, und alle anderen Stars – von Mira Sorvino bis Deborah Unger, von Pete Postlethwaite bis Gérard Depardieu – sind nur Staffage für die melancholische Übermama. Die Leidens-Heroine. Die bei Regen am Fenster stehende Träumerin von einer besseren Welt.

Spott von gestern. Längst hat sich die Sohnes-Liebestat eingereiht in die sehr verschiedenartigen Perlen ihrer Filme, die als Kette zählen, weniger als einzeln funkelnder Schmuck. Längst erzählt auch „Zwischen Fremden“ von der Sehnsucht einer Diva, die kleinen Verhältnisse in Pozzuoli bei Neapel, aus denen sie stammte, wenigstens zu reinszenieren (was ihr immer wieder Glück brachte). Erzählt auch der Titel von jenem Grundgefühl, mit dem Sophia Loren, geborene Sofia Scicolone, durch die nunmehr sieben Jahrzehnte ihres Lebens gegangen ist. Scheu, menschenscheu, trotz allen Ruhms. Häuslich und bieder, mitten im Reichtum. Ein Familienmensch, dieses „kurvenreiche Busenwunder“, bei dem die Männer „Stielaugen“ bekommen, oh ja.

Der Vater? Ein Handwerker, der sich schnell aus dem Staub machte. Die Mutter gewann als junges Mädchen einen Greta-Garbo-Ähnlichkeitswettbewerb und durfte trotzdem nicht nach Hollywood. Also setzte sie ihren Ehrgeiz in die üppig erblühte Tochter, und mit 16 war auch Sofia bei einer Schönheitskonkurrenz entdeckt. Und eine Art Vater fand sich plötzlich ein: Carlo Ponti hieß er, 21 Jahre älter und Filmproduzent. Die hoch aufgeschossene Sofia mit der „ausgeprägten Nase, dem fliehenden Kinn und hohen Backenknochen“ mochte sich vielleicht nicht schön finden. Aber die Augen! Der Mund! Die Figur! Und schon schoben sie Mutter und Vatermann nach vorn: zwischen die Fremden.

In ihren Memoiren „Leben und Lieben“, die sie bereits mit 45 dem Hemingway-Biografen A.E. Hotchner diktierte, herrscht ein nüchterner, selbstmitleidloser Ton. Die Kindheit: Bitterkeit, na und? Das große Leben da draußen, das sie bald zeitweise nach Hollywood führte, wo sie 1961 mit „La Ciociara“ („Und dennoch leben sie“) ihren Oscar gewann: Sie hat es eher staunend genossen. Und dass dieser Erfolg gerade mit Vittorio de Sicas „La Ciociara“ kam, der Story von der vergewaltigten jungen Mutter in den späten Kriegstagen, in der sie die Alpträume ihrer Jugend endlich spielen konnte, statt immer nur die „rassige“, die „mandeläugige“ Südländerin darzustellen: auch das kein Zufall. Ab und zu ist diese Sophia Loren, sozusagen im Vorbeifilmen, ganz bei sich gewesen.

Überhaupt, der Neapolitaner Vittorio de Sica: Auch er war eine Art Vater, ein Lehrmeister, 32 Jahre älter. In Alessandro Blasettis „Schade, dass du eine Kanaille bist“ (1954) spielt sie seine Gauner-Tochter, und plötzlich ist da noch ein Neapolitaner namens Marcello Mastroianni. 14 Filme dreht sie mit de Sica, zehn mit Mastroianni, zwei Jahrzehnte lang steht das neapolitanische Trio für den sehr erfolgreichen italienischen Film. Mit Sophia/Marcello als dem italienischen Paar an sich: die starke, schöne Frau und der schwache, aber charmante Mann, der sich an ihrer Seite zurechtfindet. Da sind die amerikanischen Filmpartner, sogar Marlon Brando in Chaplins „Die Gräfin von Hongkong“, mit diesem europäischen Superweib schon schlechter zurechtgekommen. Außer Cary Grant, 1956, beim Dreh zu Stanley Kramers „Stolz und Leidenschaft“. Aber den hätte sie damals fast geheiratet, wenn der Vatermann nicht gewesen wäre.

Der Produzent Carlo Ponti, heute 91 und immer noch ihr Ehemann im gemeinsamen Anwesen am Genfer See, hat Sophia Loren unsterblich gemacht. Eine erotische Ikone, so italienisch wie Brigitte Bardot französisch und Marilyn Monroe amerikanisch. Nur weniger nackt. Selbst ihr Striptease vor Marcello Mastroianni in de Sicas „Gestern, heute, morgen“ (1963), den die beiden 30 Jahre später in Robert Altmans „Prêt-à-porter“ liebevoll zitierten: ein braves Vergnügen. Sophia Loren, sie sagt das immer wieder gerne, glaubt an das Glück der Ehe und der Familie und sonst an ziemlich gar nichts. Und hat es damit, ihr größtes Kunststück, zur Sexgöttin gebracht: So lebt und schwebt sie, zwischen uns sündigen Fremden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben