Kultur : Die Schuld der Kunst

RONALD BERG

Der Projektraum zeigt von Heribert C.Ottersbach nur eine Auswahl, eine Probe von fünf Arbeiten für eine im Sommer im Düsseldorfer Kunstmuseum anstehende Einzelausstellung zum Thema "Moderne-Bilder".Man hat den Eindruck, als seien die Gemälde nur Vehikel.Ottersbachs Triptychon "1.Moderne, 2.Moderne - Der letzte macht das Licht aus" ist vor allem ein Kommentar zur Malerei und zur modernen Kunst allgemein.

Zu sehen sind ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund, ein verkehrt herum aufgehängtes graues Bild sowie der Blick in eine mit Farbschlieren verdüsterte Gefängniszelle mit Bett, Tisch, Leselampe und Büchern.Dieses Motiv zeigt den Ort, an dem Adolf Hitler während seiner Haft in Landsberg "Mein Kampf" schrieb.

Ottersbachs These: Moderne Kunst und moderne totalitäre Ideologie haben die gleichen Wurzeln.Der Moderne ging es "um die Erstellung eines sozialen, politischen und ästhetischen Paradieses".Auch die moderne Kunst trage Schuld, weil sie auf das "große Ganze" aus war.Und sie sei immer noch "Gegenstand geradezu heldischer Verehrung und Wertschätzung".Für Ottersbach (Jahrgang 1960) ist das "Scheitern der Moderne" eine ausgemachte Sache.Die Kunst aber sei nicht zuende: Er will weitermalen, "unter Einbeziehung, Würdigung und Verwertung ästhetischer Resultate jedweder Provenienz".

Soweit zu den Intentionen des Künstlers.Den gezeigten Arbeiten kann man diese Überlegungen indes nicht ansehen.Sie sind genau das, was Ottersbach am gängigen Geschichtsdiskurs beklagt: deduktiv.Sie kommen mit vorgesetzter Haltung daher und versuchen vergeblich, eine These zu illustrieren.Konzeptkunst könnte man das nennen.Aber das will Ottersbach ja nicht.

Gut gemalt sind Ottersbachs Schimärenbilder - Kuh, Schaf und Hundfische - auch nicht.Deren Vorbilder hat er wohl auf irgendwelchen mittelalterlichen Abbildungen gefunden.Da hilft es weder, die Fabelwesen verschwommen und wie durch ein Zeilengitter wiederzugeben, noch sie als "Drei moderne Künstler" zu titulieren, um zu zeigen, daß wir heute von der Moderne so weit entfernt sein sollten wie vom mittelalterlichen Weltbild.

Ottersbach Programm-Malerei leidet an einem grundsätzlichen Dilemma: Sie will argumentieren und postulieren, kann aber immer nur Fragmentarisches zeigen.So nimmt er mitunter Zuflucht zur Persiflage: "S[igmar] P[olke] befahl: Schwarzes Quadrat mehr nach rechts oben", heißt der Titel eines Bildes mit einem schwarzen Rechteck auf weißem Grund in der rechten oberen Hälfte.Sicher, das Lächerlichmachen von hehren Ansprüchen wäre ein Mittel, um der Moderne beizukommen.Allein, nicht nur Polke hat das schon origineller gemacht.Auch die Ottersbach ästhetisch eher Verwandten wie Anselm Kiefer oder Lutz Dammbeck scheinen in der Erprobung ihrer Mittel weiter als er.Ihm fehlen einfach die Mittel, seine Thesen ästhetisch überzeugend zu visualisieren.

Die übertünchten Fotokopien von Hitlers Zelle scheinen etwas dürftig, um das Thema von der Schuld der Moderne abzuhandeln.Das gilt ebenso für die Siebdrucke, die das Motiv des schwarzen Quadrats aufgreifen.Im schwarzen Feld liest man Titel von Ottersbachs früheren Arbeiten: "Malewitsch erklärt Mondrian seine Bilder", "Moderne und Arbeit macht einsam", "Barnett Newman tritt hinzu".Unterschrieben sind sie mit den Namen jener Modernen, bei denen Ottersbach den Hang zum Absoluten ausmacht: Mondrian, Beuys, Kandinsky; selbst Warhol und Polke fehlen nicht.Auch hier gilt: Ohne den Kontext erklären diese Bilder über die Moderne gar nichts, und ästhetisch bleiben sie zu flach: Trotz vieler Worte vermögen sie - weder visuell noch textuell - für sich zu sprechen.

Projektraum Berlin, Auguststraße 35, bis 6.März; Donnerstag / Freitag 14-18 Uhr, Sonnabend 11-18 Uhr.

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