Kultur : Die Schuldfrage

Der Mythos Grass, die Gruppe 47 und die vom Krieg geprägte Generation der „45er“

Alexander Cammann

Mythen leben davon, gelegentlich demontiert zu werden. Ihre Geheimnisse und Schattenseiten, einmal aufgedeckt, erzeugen erst jene dramatischen Erzählungen, die den Mythos im kulturellen Gedächtnis verankern. Zidanes Kopfstoß, Willy Brandts Depressionen und Frauengeschichten, die reaktionären und antisemitischen Gedanken der 20.-Juli-Helden, Thomas Manns getarnte homoerotische Neigung, Max Webers verborgene Psychosen und masochistische Bedürfnisse, der Frauenverschleiß Benns und Brechts und ihre politischen Irrwege: Überlebensgroß werden verehrte Idole auf Dauer nur durch die fragwürdigen Anteile ihrer Biografie. Ambivalenz ist immer interessanter als Eindeutigkeit.

Günter Grass hat dieses Stadium seit dem Wochenende erreicht. Doch sein verspätetes Bekenntnis leistet mehr als bloße Aufregungen um eine erinnerungstrübe Sicht auf das Jahr 1945: Es schärft den Blick auf die postnationalsozialistische Konstellation der frühen Bundesrepublik, die bis heute fortwirkt. Die Lage war damals moralisch unübersichtlich. Auch in der künstlerischen Heimat von Günter Grass, der politisch linksliberalen Gruppe 47: Hier trafen jüdische Emigranten wie Peter Weiss, Wolfgang Hildesheimer, Hans Mayer und Erich Fried mit den einstigen Flakhelfern und Wehrmachtssoldaten, angefangen bei Heinrich Böll, friedlich aufeinander.

Wie viele erschossene Gegner mögen – wissentlich oder unwissentlich – auf das Konto der späteren Schriftsteller gegangen sein? Solche Fragen lassen einen heute zusammenzucken. Den Überlebenden des Warschauer Ghettos, Marcel Reich-Ranicki, haben sie nicht daran gehindert, bei den Tagungen der Gruppe 47 neben Autoren Platz zu nehmen und deren Texte zu loben, die ihn fünfzehn Jahre zuvor hätten exekutieren können. Ein weites Feld, um mit Günter Grass’ Roman zu sprechen, für beide Seiten.

Schon dem 31-jährigen Fritz J. Raddatz war 1962 das Fehlen der Worte Hitler, KZ, Atombombe, SS, Nazi, Sibirien in den Texten der 47er aufgefallen: „Ein erschreckendes Phänomen, gelinde gesagt.“ Sicher, doch die Todesnähe, der die Schriftstellersoldaten in den Schützengräben ausgesetzt waren, verdrängte fürs Erste diese Themen; die Todesnähe musste offenbar vordringlicher künstlerisch verarbeitet werden. Die Attacke, die Bestsellerautor Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975, vor kurzem auf die Gruppe 47 ritt (sie sei eine „Lobby gegen die Rückkehr der Vertriebenen auf ihre angestammten Plätze“ gewesen) zeugt jedenfalls von nachgeborener Oberflächlichkeit – in ihrer einseitigen Zuspitzung übrigens Grass durchaus ähnelnd. So einfach war es nicht. Die Grundfarbe der Geschichte sei nun mal nicht schwarz oder weiß, sondern grau, hat der Historiker Thomas Nipperdey einmal festgestellt. Solch historische Farbenlehre hilft, sich im Nebel der Vergangenheit zu orientieren.

Grass, Walser, Enzensberger, Habermas, Dahrendorf, Kohl, Ratzinger: Die eindrucksvoll erfolgreiche Generation der „45er“ hatte das tragische Glück, ein im Wortsinne frei geschossenes Land zu erobern. Sie haben es dabei so weit gebracht wie keine deutsche Alterskohorte vor ihnen: zum Literaturnobelpreis, auf den Heiligen Stuhl und ins britische Oberhaus.

Der geheime Motor, der sie antrieb, war die subjektiv empfundene Schuld. Individuell fiel sie verschieden aus, je nachdem ob man als junger Mensch für oder gegen das NS-Regime war. Der nur äußerst knapp dem Standgericht entkommene Soldat Joachim Fest (Jahrgang 1926) sowie die eine Zeit lang im NS-Gefängnis sitzenden Wolf Jobst Siedler (Jahrgang 1926) und Ralf Dahrendorf (Jahrgang 1929) dürften die Schuld des durch Glück Überlebenden verspürt haben. Dagegen hat später im von Hitler, Nationalsozialismus und Endsieg überzeugten Pimpf und Fronthelfer Habermas, im einstigen Reichsmeister im Signalwinken der Marine-HJ Walser und im SS-Mann Grass die Erinnerung an eigene Verführbarkeit offenbar rumort. Ihr „Nie wieder!“ hatte auch immer eine individuelle Komponente.

Manchen Nachlebenden mag „Schuldempfinden“ als eine allzu protestantische und psychologisierende Kategorie erscheinen. Doch die zwillingshaften Linksintellektuellen Habermas und Grass konnten ihren jahrzehntelang allzeit bereiten Alarmismus nur aufgrund ihrer Erfahrung, im Nationalsozialismus „dabei“ gewesen zu sein, so vehement praktizieren. Ihre „argwöhnische Sensibilität“, die „ängstliche Antizipation von Gefahren“ (Habermas) rühren daher, auch wenn das im Laufe des erfolgreichen bundesrepublikanischen Zivilisierungsprojekts immer anachronistischer erschien. Nicht entschuldigend, sondern nüchtern historisierend kann man festhalten: Grass’ Umerziehungs-Motor brauchte dieses schwärende Schuldempfinden, ein früheres Bekenntnis hätte ihn zum Stottern gebracht.

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