Kultur : Die schwarze Seele

Meister des Pessimismus: Stanislaw Witkiewicz bei Berinson

Michaela Nolte

Dramatiker, Maler und Theoretiker der Künstlergruppe „Formisten“: Stanislaw Ignacy Witkiewicz avancierte im Polen der Zwischenkriegszeit zu einem der bedeutendsten Avantgardisten. Er schrieb anti-utopische Romane, verfasste Schriften zur Kunsttheorie und über Selbstversuche mit Drogen, daneben galt er als angesehener Philosoph. Die Galerie Berinson würdigt den Grenzgänger nun mit 33 Porträtfotografien (9 000 bis 65 000 Euro) in einem für Witkiewicz weniger bekannten Metier.

Seit seinem 14. Lebensjahr experimentierte der 1885 in Warschau geborene Künstler mit der Kamera, doch zu Lebzeiten stellte er sein fotografisches Werk nie öffentlich aus. Witkacy – so sein bekanntestes von rund 50 Pseudonymen – frönte seiner „Manie, alle Sachen dieser Art in Form von Photographien bei mir zu haben“, in zahlreichen, akribisch angelegten Alben. Während des Warschauer Aufstands verbrannte die Sammlung und nur wenige Vintage prints blieben erhalten. Damit ging nicht nur ein wesentlicher Aspekt seines Schaffens verloren, sondern auch ein Schattenbild des schillernden „Génie multiple“.

Denn von der Derbheit seiner Theaterstücke und Romane sind die Fotografien weit entfernt. Während der „Pontifex Maximus des polnischen Katastrophismus“, so der Kritiker Jerzy Plomienski, literarisch das Ende der Menschheit heraufbeschwörte, zeigen die Porträts einen Künstler von unglaublicher Sensibilität. Wenn Fotografien „tatsächlich die Seelen ihrer Urheber portraitieren“ (Witkiewicz’ Vater, der Architekt, Maler und Schriftsteller Stanislaw Witkiewicz), so erzählte Witkacy von einer existenziellen Sehnsucht. Dabei beschränkte sich der Kreis auf Verwandte und Freunde, die er im Fokus der Kamera geradezu beängstigend nah an sich heranzuziehen vermochte.

Der verblüffend ähnliche Ausdruck der Modelle, gleich welchen Alters oder Geschlechts, ruft eine sublime Lebendigkeit hervor, und mit der extremen Nahaufnahme, die das Antlitz formatfüllend zeigt und bisweilen auf Augen- und Mundpartie reduziert, empfahl sich Witkiewicz als Erneuerer der Bildnisfotografie. An Stelle der repräsentativen Funktion des Porträts setzte der Fotograf eine faszinierende psychologische Tiefenschärfe. Die Dargestellten distanzieren sich nicht von der Kamera, aber ebenso wenig biedern sie sich an. Sie scheinen der Welt entrückt wie der Pianist Artur Rubinstein oder im stummen Zwiegespräch wie die Tante Maria Witkiewicz. Auch die Bildnisse der ersten Verlobten Jadwiga Janczewska oder seiner Frau Jadwiga Unruh zeigen Gesichtslandschaften, in denen sich menschliche Geschichten abgelagert haben. Keine Femmes fatales, wie sie der Schriftsteller Witkiewicz kreierte, sondern subtile Studien menschlicher Natur. Die Typologie seiner Bühnenfiguren scheint Witkacy in den Selbstbildnissen sowie den Porträts, aufgenommen von Józef Glogowski und Tadeusz Langier, ausgelotet zu haben. Dort entwirft er Charaktere von faustischer Abgründigkeit aber auch mit verschmitztem Humor. Allesamt Spiegelungen einer multiplen Existenz, deren visionärer Pessimismus mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 im Freitod endete.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis 1. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 14-19 Uhr.

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