Die Schweizer Autorin Ursula Priess : Ein Experiment namens Sehnsucht

Ausbrechen aus alten Mustern: ein Stadtspaziergang mit Ursula Priess, die gerade ihren dritten Roman "Hund & Hase" veröffentlicht hat.

Nicole Henneberg
Neubürgerin einer offenen Stadt. Ursula Priess kam 1943 als älteste Tochter Max Frisch in Zürich zur Welt. Jetzt wohnt sie in Wilmersdorf.
Neubürgerin einer offenen Stadt. Ursula Priess kam 1943 als älteste Tochter Max Frisch in Zürich zur Welt. Jetzt wohnt sie in...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Warum sich nicht am Löwentor des Zoologischen Gartens verabreden? Ihr Roman „Hund & Hase“ wagt sich schließlich auch auf animalisches Terrain. Doch am Zooeingang sagt Ursula Priess entschlossen: Ich mag eigentlich gar keine Tiere! Und so machen wir uns auf zur nahen Schleuse, einer aus Natur und Technik gefügten Landschaft, die ihr besser gefällt, und kommen dann doch nicht umhin, über Tiere zu sprechen: über Hunde, die wie in ihrem Buch die Gefühle von Menschen geradezu seismografisch erfassen, und über Giraffen, eine Art, die darin nicht vorkommt, es ihr aber doch angetan hat. „Die haben einen so ungläubigen, traurigen Blick, und wenn sie laufen, rudern sie mit dem Hals – als hätten sie ständig Angst, das Gleichgewicht zu verlieren. Und das sieht sogar elegant aus!“

An Giraffenhälse denkt sie auch, wenn sie aus dem Fenster ihrer Wilmersdorfer Wohnung schaut: Elf Kräne sind vom sechsten Stock aus derzeit zu sehen, sie stehen für den Charakter der Stadt. „Ein einziges work in progress“, sagt die Neuberlinerin Priess, und das findet sie befreiend. Die ineinander verflochtenen Geschichten ihres Buches sind fast alle hier entstanden. Ihre Figuren sind neugierig und dünnhäutig zugleich, manchmal überschätzen sie ihre Kräfte. Beim Lesen denkt man an das Tschechow-Zitat, das den Reigen eröffnet: „Und es schien, es könnte nicht mehr lange dauern, bis die Lösung gefunden sei und ein neues, wunderschönes Leben gefunden würde.“ Diese Sehnsucht treibt die Figuren von Ursula Priess vor sich her, ohne dass sie es ahnen, denn sie haben ihre Gefühle verleugnet und in sich vergraben. Um so wehrloser sind sie dem Sog ausgeliefert, in den sie dann geraten, und der sich ganz anders anfühlt als alle bisherigen Liebesabenteuer.

Zwei Jahre lebte Ursula Priess in Istanbul

Nach Berlin kam die älteste Tochter von Max Frisch aus der Ehe mit Gertrude von Meyenburg, um einen neuen Anfang zu machen. Lange lebte sie als Heilpädagogin in der Nähe von Kiel, dann versuchte sie einen ersten Ausbruch aus ihrem zu eng gewordenen Leben. Zwei Jahre lange lebte sie in Istanbul, einer Stadt, die sie nach wie vor liebt und in der sie viel Glück hatte, nein, mehr als Glück: Kismet nennt sie es, eine Mischung aus Schicksal und lebenswichtigen Zufällen.

Berlin und Istanbul haben für sie atmosphärisch viel miteinander zu tun, beides sind offene, unfertige Städte. Auch Max Frisch hat Berlin ja Anfang der siebziger Jahre zu einer seiner Schreibstädte gemacht, und es ist kein Zufall, dass seine älteste Tochter ihr Debüt, das Vaterbuch „Sturz durch alle Spiegel“ hier vorstellte. Es war eher eine nachgetragene Liebeserklärung als eine Abrechnung, wobei es nicht verschweigt, dass die Tochter unter dem kalten, analytischen Blick des Vaters litt. Sie fühlte sich als Material missbraucht und hatte Angst vor jedem neuem Buch. Nach „Montauk“ (1975) brach sie den Kontakt für viele Jahre ab. In ihrem Vaterbuch hat sie den „Montauk“-Ton dann trotzdem aufgegriffen und variiert, einerseits um sich über diese schwierige, aber auch bereichernde Beziehung klarzuwerden, andererseits, um die letzten, wichtigen Gespräche mit dem Vater festzuhalten, der im Alter immer radikaler wurde – sich selbst und auch der Tochter gegenüber.

Es gibt viele Verbindungen zwischen diesem ersten Buch und ihrem nunmehr dritten (nach „Mitte der Welt“, das 2011 von Istanbul erzählte). So ist Ursina, die zweite weibliche Erzählerin, Tochter eines berühmten Vaters, als junges Mädchen extrem misstrauisch gegenüber allen männlichen Annäherungen: „Immer hat sie Angst, nicht gemeint zu sein.

Das Schönste an diesen Geschichten ist ihre leichte, gekonnt durchgehaltene Spannung, die alle Gefühlsexperimente in der Schwebe hält. „Wie Bruder und Schwester und Cousin und Cousine und alte und neue Geliebte in einem, so flogen sie aufeinander zu, so selbstverständlich, so fraglos, so nah, so vertraut, nach so langer Zeit! Plötzlich schien möglich, was früher nicht möglich war; als ob es gar nicht anders sein könnte; als ob sie noch einmal eine Chance hätten, jetzt, in ihrem Alter.“

Anfangs hatte sie noch Heimweh nach Zürich, wenn die Kirchenglocken über den Ludwigkirchplatz tönten

Lino und Ursina, die sich hier begegnen, gibt es im Buch in drei Varianten, Versuchsanordnungen allesamt, wobei den Figuren jeweils ein anderes Lebensgepäck mitgegeben ist. Welche Schuld gibt es, und wäre sie zu vermeiden gewesen? Gibt es eine echte zweite Chance? Dreimal werden diese Fragen gestellt, und jedes Mal öffnen sich Mann und Frau ein wenig mehr füreinander, gegen die lähmende Angst, dem Anderen zu nahe zu treten. Das Alter hat die Figuren weder dickhäutiger noch bedürfnisloser gemacht – nur faltiger. Ihr einziger Vorteil ist die Erfahrung, aber auch die ist eine Last, weil sie den Figuren Verhaltensmuster aufprägt. Nur in der letzten Geschichte, die mit Linos Sterben endet, gelingt der Ausbruch.

In Berlin hat Ursula Priess eine enge literaturkundige Freundin, die auch den Familienhintergrund kennt. Sie stand ihr während der schwierigen Selbstbefreiung bei und wurde in der Stadt ihr erster Anker. Anfangs hatte sie noch Heimweh nach Zürich, wenn die Kirchenglocken über den Ludwigkirchplatz tönten. Heute, erzählt sie, empfinde sie ihn als erweitertes Wohnzimmer, mit einer gutsortierten Buchhandlung und einem Wiener Kaffeehaus, wo sie täglich Zeitung liest. Jedes Mal freut sie sich, wenn sie in der Emser Straße „Maitre Philippe et filles“ liest – Töchter, nicht Söhne!

Das Buch, an dem sie gerade schreibt und das an die „Liebesversuche“ anknüpft, wird aus rein männlicher Perspektive erzählt und könnte vielleicht eher „Lebensversuche“ heißen. Natürlich hat sie dabei den Vater im Gepäck und seine klugen, die Familie oft verletzenden Sätze zu seinem Leben als Mann.

Ursula Priess: Hund & Hase. Liebesversuche. Roman. btb Verlag, Berlin 2015. 239 Seiten, 19,99 €. – Die Autorin stellt ihr Buch am Freitag, den 27. März, um 20 Uhr im Buchladen Bayerischer Platz, Grunewaldstraße 59, im Gespräch mit Gabriele von Arnim vor (Eintritt frei).

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