Die sechste Beirut Art Fair : Alles politisch und doch entspannt

Die Kunstmesse und die Galerien der libanesischen Hauptstadt zeigen ein ambitioniertes Aangebot aus der gesamten Region des Nahen und Mittleren Ostens. Die Malerei bestimmt das Bild.

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Säulen aus Athen? Von wegen, tatsächlich handelt es sich um Paul Gossians Gemälde der Ruinen von Baalbek.
Säulen aus Athen? Von wegen, tatsächlich handelt es sich um Paul Gossians Gemälde der Ruinen von Baalbek.Foto: Galerie Mark Hachem

Wer sind die Platzhirsche? Die Frage stellt sich nicht beim Eintritt ins Ausstellungszentrum von Beirut, wo die Beirut Art Fair in ihrem siebten Jahr Aufnahme gefunden hat. Die Messe ist mit 50 teilnehmenden Galerien übersichtlich genug, um die Positionierung in der Halle 2 des Messegeländes unwichtig zu machen. Es gibt zwei Sektionen mit fast genau hälftigem Anteil an der Gesamtzahl der Galerien: einmal die vollgültigen Messestände durchaus unterschiedlicher Größe, zum anderen die Schnupperkojen unter dem Titel „Revealing“, was so viel wie aufschlussreich oder enthüllend bedeutet.

Das passt zu dieser Messe. Dem aus Europa angereisten Besucher zeigt sie die Kunstlandschaft des Nahen und Mittleren Ostens in einer Stadt, die kosmopolitisch ist und keine politischen oder auch ästhetischen Grenzen akzeptiert – all das mit europäischen Einsprengseln und zugleich verknüpft mit der besonderen Geschichte des Libanon im 20.Jahrhundert.

So überschaubar die Zahl der Galerien, so vielfältig ist doch die jeweilige Herkunft. Die in Beirut ansässige Szene dominiert, doch gibt es Teilnehmer aus Algerien, Ägypten, Syrien, Jordanien und Palästina, Bahrain, Kuwait und dem Iran, ebenso aus Südafrika und China – was den etwas groß geratenen Anspruch, eine Messe für den riesigen Raum „ME.NA.SA“ (Middle East, North Africa, South Asia) zu sein, zumindest unterfüttert. Galerien aus Frankreich, Belgien, Italien und Berlin (Vinzenz Sala) komplettieren das Teilnehmerfeld, nicht zu vergessen je ein Vertreter aus Argentinien, den USA und Weißrussland.

Es ist immer schwer, einen Generalnenner für eine Messe zu finden; hier aber fällt es leichter als andernorts. Ins Auge fällt die stilistische, thematische und mediale Vielfalt. Mark Hachem (Beirut) zeigt von Charbel Samuel Aoun, einem studierten Architekten, der den unbändigen Bauboom seiner Heimatstadt in Materialbildern auf rohem Bretterholz geradezu haptisch vorführt. Rabi Koria, Kind einer syrischen Flüchtlingsfamilie, bemalt Kacheln, ein bevorzugtes Material seiner niederländischen Wahlheimat (bei Françoise Livinec, Paris), Simone Fattal schafft Figuren aus bemaltem Porzellan (bei Tanit, Beirut, hierzulande mit Münchner Adresse geläufig).

Die Fotografie spielt gern mit Provokationen, den Verhüllungsgeboten

Die Fotografie ist stark vertreten. Als provokant dürfte die Fotoserie von Adel Bentousi, aus Algerien, wie die ihn vertretende Galerie Les Ateliers Sauvages, unter dem Titel „Der nackte Mann“ beim örtlichen Publikum ankommen. Der Künstler spielt mit den Verhüllungsgeboten, die im Islam für Männer und Frauen bekanntlich sehr unterschiedlich ausfallen. Provokant mag auch die Bildserie von Sabyl Ghoussoub ausgerechnet bei der iranischen Silk Road Gallery auf manche Besucher wirken, die das freizügige Nachtleben der Jugend in der libanesischen Hauptstadt in fotografischer Überblendung zeigt. Ghoussoub war jahrelang Direktor des Lebanese Film Festival, wodurch sich die filmische Montagetechnik seiner Bilder erklärt. Ebenfalls narrativ angelegt ist die Bildserie der gebürtigen Griechin Evangelia Kranioti, die eine Art Totalbild von Beirut zu liefern versucht. Vorgestellt wird ihre Arbeit, die sich um die Stellwände herumwindet, von Elie Saab (Beirut) – eigentlich keine Galerie, sondern eher im Modegeschäft tätig und damit typisch für die Grenzüberschreitungen, die auf der Art Fair in Beirut immer wieder zu erleben sind.

Letztlich dominiert die Malerei. Die offenbar über unerschöpfliches Talent verfügende Künstlerfamilie Guiragossian könnte mit ihren durchweg im Stil der Neuen Wilden der achtziger Jahre gemalten Großformaten sicher die ganze Messehalle füllen, hält aber mit der Großkoje der familieneigenen Emmagoss Art Gallery an sich. Die malenden Familienmitglieder wissen ohnehin, dass sie mit Preisen von bis zu 100 000 Dollar und darüber hinaus – für Arbeiten von Emmanuel und von Paul Guiragossian – zu den Spitzenvertretern der Messe und der libanesischen Szene zählen.

Das gilt noch nicht für Oussama Baalbaki, der mit einem einzigen Großformat bei Agial Art Gallery/Saleh Barakat Gallery (Beirut) zu sehen ist, einem unbetitelten Acrylbild, das einen romantisierenden Sonnenuntergang in die Realität von Schnellstraße-plus-Werbeplakatwand zurückholt. Das Glück der Heimat beschwört Rafat Asad mit Bildern der fruchtbaren Felder Palästinas. Er wird von der Gallery One aus Ramallah vertreten. Auch Asad arbeitet interdisziplinär, praktiziert als Video- und Performancekünstler.

Herzstück der Messe ist eine historische Ausstellung unter dem Titel „Lebanon Modern“. Sie zeigt 13 „grand ladies of Lebanon’s modern creativity“ aus der „goldenen Ära“ vor Ausbruch des verheerenden, 15-jährigen Bürgerkriegs im Jahr 1975. Ohne die Biografien dieser emanzipationsdurstigen und emanzipierten Frauen sind die hier nur in Ausschnitten vorgeführten Lebenswerke nicht zu verstehen – ohne ihren Kampf gegen männliche Bevormundung im eigenen Land ebenso wie den gegen kulturelle Dominanz aus Paris.

Besonders prägen sich die Werke von Helen Khal (1923 bis 2009) und Etel Adnan (geb. 1925) ein, die eigenständige Wege der Abstraktion in den vom mittelmeerischen Licht zum Leuchten gebrachten Farben gefunden haben. Adnan gehört längst auch in Europa zu den gängigen Größen, seit sie auf der letzten Documenta in Kassel eine eigene Retrospektive erhielt. Eindrucksvoll auch die erotischen, dezidiert feministischen Mixed-Media-Bilder der künstlerisch im Orient aufgewachsenen Cici Sursock (1923 bis 2015) aus landespolitisch bedeutender Familie, was ihren Werdegang nur noch erschwert hat. Bei Auktionen – Bonham’s in London reüssierte 2015 mit einer libanesisch bestückten Versteigerung – werden Zuschläge im mittleren sechsstelligen Bereich erzielt.

Beirut verfügt über eine bemerkenswerte Sammler-Szene

Ein Ausflug zu Beiruter Galerien unterstreicht, dass die Kunstmesse ins Gefüge dieser wahrhaft urbanen Stadt und ihrer bemerkenswerten Sammler-Szene integriert ist. Erwähnt sei nur Saleh Barakat, der in seiner New York-artig dimensionierten Galerie – einem früheren Kino im Untergeschoss eines Geschäftshauses – den großartigen Ayman Baalbaki zeigt. Wobei er nicht mit seinem Verwandten Oussama zu verwechseln ist. Baalbaki schafft politische Kunst im besten Sinne durch Zuspitzungen der globalen Politik anhand ihrer eigenen Bildsprache. Er ist kein Propagandist, sondern ein politisch wacher Geist, der sich mit dem Ritual der Flaggenverbrennungen bei Demonstrationen auseinandersetzt, indem er jede einzelne dieser brennenden Landesfahnen malt und das Ensemble lakonisch an die Wand bringt. „Er ist so etwas wie unser Superstar“, sagt der dynamische Galerist. Die Sammler reißen sich um Arbeiten für bis zu mehreren hunderttausend Dollar.

Aber nicht die Preise sind entscheidend; sie bewegen sich auf der Messe durchweg im unteren fünfstelligen Bereich. Der Gesamtumsatz der vorigen Ausgabe der Beirut Art Fair belief sich auf 3,2 Millionen Dollar. Nicht nur in der Kunstszene rechnet man in dieser Parallelwährung des Libanon, da die Landeswährung zu viele Nullstellen benötigt. Messegründerin und -leiterin Laure d’Hauteville und der Künstlerische Direktor Pascal Odille betrachten die Messe ebenso als ökonomische wie geschmacksbildende Veranstaltung. Ein bunt gemischtes Publikum – beileibe nicht nur von Sammlern mit tiefen Taschen, die es in Beirut in wachsender Zahl gibt – bestätigt das Konzept.

Außerhalb der knappen Messetage tut sich eine Galerieszene auf, die einiges zu bieten hat. Dazu zählt die Galerie Janine Roubeiz, schön gelegen an der Corniche. Sie stellt auf der Messe Christine Kattaneh vor, eine Künstlerin, die wie so viele zwischen Europa und dem Orient nicht nur pendelt, sondern dort regelrecht zuhause ist. Der kosmopolitische Schmelztiegel, den viele allenfalls in London finden oder New York, ist in Beirut alltägliche Realität.

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