Kultur : Die Seele der Landschaft

BERNHARD SCHULZ

"Schließe Dein leibliches Auge": Die Kunsthalle Bielefeld untersucht den künstlerischen Weg des Romantikers Caspar David FriedrichVON BERNHARD SCHULZFast ein Vierteljahrhundert ist seit dem wahren Besucheransturm vergangen, den die Hamburger Kunsthalle im Herbst 1974 zu ihrer Ausstellung der Werke Caspar David Friedrichs erlebte.Derlei ist dieser Tage in Bielefeld nicht zu beobachten.Immerhin zeigt die dortige Kunsthalle die bedeutendste Friedrich-Ausstellung seit der wesentlich breiter angelegten Hamburger Retrospektive.Sie markierte den eigentlichen Auftakt der von Werner Hofmann konzipierten Reihe "Kunst um 1800".Mit Friedrich, dem 1774 geborenen und 1840 verstorbenen Maler, wurde die Zeitenwende der napoleonischen Ära auch als Wendemarke der deutschen Kunst erkannt - neuerlich, denn die Wiederentdeckung des norddeutschen Romantikers war nicht die erste ihrer Art.1906 rückte die "Jahrhundertausstellung" in der Berliner Nationalgalerie Caspar David Friedrich als einen der Großen deutscher Kunst ins Licht.Später nahmen sich die ideologischen Wegbegleiter der Nazis der "schicksalhaften" Romantik an.Nach dem Krieg dauerte es eine Weile, bis die gegenständlichen Romantiker gegenüber der "Weltsprache der Abstraktion" rehabilitiert waren - dann aber um so intensiver.Mitte der siebziger Jahre wetteiferten Museen in West und Ost mit opulenten Romantiker-Ausstellungen, deren Höhepunkt die Übersicht in der Pariser Orangerie von 1976 bildete.Das kunsthistorische Unterfutter für die neuerliche Wertschätzung - einmal abgesehen von den verdächtig zahlreichen Publikationen aus der DDR, wo der Beschäftigung mit der Dresdner Romantik offenbar eine Ventilfunktion zukam - lieferte Robert Rosenblums mittlerweile zum Klassiker gereiftes Buch "Modern Painting and the Northern Romantic Tradition.Friedrich to Rothko" von 1975, das dem Greifswalder Maler schon im Titel eine gegen den französischen Anspruch auf die Vaterschaft an der Moderne gerichtete Prominenz verschaffte.Rosenblum befestigte eine Interpretation der malerischen Eigenentwicklung als Vorstufe der Formbefreiung, der die akribischen Zuweisungen christlicher Bedeutungsgehalte durch Helmut Börsch-Supan und seine 1974 veröffentlichte Studie über die Ikonographie Friedrichs gegenüberstehen.Man muß nicht, aber man sollte die Umrisse der Rezeptionsgeschichte kennen, um die Ausstellung "Caspar David Friedrich.Der künstlerische Weg" in der Kunsthalle Bielefeld mit vollem Gewinn zu sehen.Denn der mit der Gegenwartskunst aufgewachsene Museumsleiter Thomas Kellein unternimmt einen frischen Blick auf ein vermeintlich ausgereiztes Thema.Die Deutung noch der letzten Mondsichel als Christussymbol zum einen, die Inanspruchnahme für die Virulenz aufklärerischen Denkens während und nach der napoleonischen Epoche zum zweiten und die Bewunderung vermeintlich vorweggenommener autonomer Malerei in manchen Werken zum dritten haben die Welle der Friedrich-Begeisterung kanalisiert und schließlich verebben lassen - ohne doch die Faszination, die von einem jeden der Gemälde ausgeht, im mindesten schmälern zu können.Zu kurz gekommen ist bei diesem Interpretationseifer die cura prima der Kunstwissenschaft, nämlich die Analyse der künstlerischen Entwicklung.Das ist Kelleins Ansatz.Er bezeichnet seinen Protagonisten als einen "ethisch selbstbewußten Handwerker mit methodisch recht kunstimmanenten Idealen"; anders ausgedrückt: Vorsicht vor "Inhaltismus".Und so vereint denn die Bielefelder Ausstellung in elf motivisch geordneten Kapiteln zwanzig Ölbilder mit gut 120 Zeichnungen und Graphiken, die die Entstehung der Gemälde höchst anschaulich machen (allerdings hatte bereits der Katalog der Hamburger Retrospektive von 1974 einen solchen Überblick nach Bildthemen geliefert, an den Kellein anschließen konnte).Friedrich, dessen Ausbildung an der Kopenhagener Akademie unter der Vorherrschaft des Neoklassizismus eher unfruchtbar verlaufen war, erarbeitete sich eine stupende Naturbeobachtung.Die Zeichnungen und Sepien, die er auf seinen ausgedehnten Wanderungen an der Küste vornehmlich Rügens, in der Umgebung Dresdens, im Böhmerwald und im Riesengebirge anfertigt, bestechen durch ihre unnachahmliche Ökonomie.Die sparsamen Striche bilden vollständige Landschaften und evozieren zugleich jene Melancholie der Kargheit, die Friedrich von seinen Interpreten als künstlerisches Programm unterlegt wurde.Anders als die Romantiker des deutschen Südens hatte er indessen keine dramatischen, keine - im Sinne des kunsttheoretischen Begriffs des 18.Jahrhunderts - erhabenen Landschaften vor sich oder allenfalls selten, sondern zumeist solche, in denen flache, weite Horizonte den Blick in einen unendlichen und zugleich formlosen Himmel lenken.Auf Friedrichs Zeichnungen und dann auch auf den im Atelier komponierten Gemälden ereignet sich zumeist wenig.Dieses Wenige aber wird Ereignis.Der Bielefelder Ausstellung standen die postkartenbekannten Hauptwerke fast gar nicht zur Verfügung.Das erweist sich für Kelleins Absicht als Vorteil.Denn vergleichsweise unverstellt läßt sich Friedrichs Arrangement einzelner Motive zu einem stimmigen Ganzen verfolgen, wobei die Ökonomie der Zeichnungen sich in den späten Jahren des Künstlers um die Ökonomie kaum variierter Kompositionen ergänzt.Mit klaren Hinweisen auf "Bäume", "Pflanzen und Felsen" oder "Ruinen" sind die Kapitel der Ausstellung überschrieben und konzentrieren den Blick des Besuchers auf die wiederkehrenden und in Jahrzehnten verfeinerten, ja gereiften Motive.Die Auffassung der Natur als Seelenlandschaft bezeichnet zumindest nicht den "ganzen" Friedrich.Ihm zur Seite steht der Experimentator: Ohne je in Italien gewesen zu sein, komponiert er gegen 1830 einen "Junotempel in Agrigent", der sich genauso als Verbildlichung romantischer Sehnsüchte lesen läßt wie die mit christlichen Symbolen "aufgeladene" Winterlandschaft von 1811.Oder sollte man statt Sehnsüchte besser sagen: Sehsüchte? Denn die Verbindung einer in der Tat das all over der abstrakten Malerei andeutenden Flächigkeit mit dem suggestiven Detail, sei es ein Kreuz im Wald oder eine Flußbarke, ist zunächst einmal eine genuin künstlerische Leistung, eine Verbildlichung dessen, was Friedrich mit seiner berühmten Forderung "Schließe Dein leibliches Auge, damit Du mit dem geistigen Auge zuerst siehest Dein Bild" angedeutet hat: die Projektion eigener Empfindung in den gebändigten Reichtum des Sichtbaren.Diese innerkünstlerische Entwicklung aufzuzeigen, ist das Verdienst der Bielefelder Ausstellung, die sich trotz des Fehlens der bekanntesten Hauptwerke in die großen Friedrich-Untersuchungen einreiht. Bielefeld, Kunsthalle, bis 24.Mai; anschließend Wien, Kunsthistorisches Museum29.Mai bis 26.Juli.Katalog im Prestel-Verlag 38 DM, im Buchhandel geb.78 DM.

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