Kultur : Die Seele des Hauses

CHRISTIAN HUTHER

Frauen beherrschen die Räume, die Männer glänzen meist durch Abwesenheit.Denn das Interieur, also die Darstellung von Innenräumen, ist die eigentliche Domäne der Frau.Hier ist sie die Hauptdarstellerin.Die Frau ist dazu da, das Haus zu "beseelen", der Mann hat draußen zu wirken.So die jahrhundertelang verbreitete Vorstellung.Sie findet sich auch in vielen der rund 140 Werke wieder, die derzeit im Frankfurter Städel zu der Ausstellung "Innenleben.Die Kunst des Interieurs" versammelt sind.

Doch die vom 17.bis 20.Jahrhundert reichende Schau will keineswegs eine detaillierte Historie des Interieurs schreiben, sondern den Stimmungsgehalt des Themas herausarbeiten.Immerhin ist, so Städel-Kuratorin Sabine Schulze, "der Blick in ein Zimmer stets auch der Blick in die Seele eines Bewohners", die psychischen Regungen schlagen sich in den Räumen nieder.Nichts zeigt dies deutlicher als Georg Friedrich Kerstings Bild "Am Stickrahmen" (1827), einer Ikone der deutschen Romantik, mit einer stickenden, in ihre Arbeit versunkenen und in sich ruhenden Frau.Im Hintergrund ist ein Mann zu sehen, allerdings nur im Porträt.Nichts passiert in diesem wie in vielen anderen Interieur-Bildern, allenfalls Andeutungen sind zu entdecken.Die Zeit scheint stillzustehen.

Doch die Blütezeit des Interieurs als eigene Bildgattung begann schon früher, mit den Niederländern des 17.Jahrhunderts, die ebenso poetisch wie deutungsoffen malen konnten.Dafür ist Gerard ter Borchs "Apfelschälerin" (um 1660) im Städel ein anschauliches Beispiel.Die dargestellte junge Witwe ist tugendhaft auf ihre Arbeit konzentriert, sie bleibt bei sich und blickt auch nicht den Betrachter an.Das Bild der weiblichen Häuslichkeit als Inbegriff der Innerlichkeit und Tugend galt nicht lange.Bald ging es erotischer und deftiger zu, denn die Franzosen des 18.Jahrhunderts malten gerne Damen beim An- und Auskleiden im Boudoir.Diese Erotik wurde oft hinter exotischen Farb- und Formspielereien versteckt, was sich bis zu Matisse fortsetzte.

Neben dem Thema "Frau" stellten die Künstler immer wieder auch ihre Ateliersituation dar: als Zuflucht vor der Gesellschaft und als Ort des künstlerischen Schöpfungsaktes, als kritische Instanz und Möglichkeit zur Selbstdarstellung.Dabei verbargen sie mehr als daß sie offenlegten.Meist wird nur das fertige Werk gezeigt wie in Picassos Ölgemälde von 1956 oder die Arbeit vor der leeren Leinwand angedeutet wie in Kerstings Bild von Caspar David Friedrich (1819).Übrigens entstand die Mehrheit der Frauen- oder Atelierbilder ohne Auftrag, also aus purem Interesse.

Insgesamt ist die Ausstellung mehr auf den Augenschmaus angelegt, auch in der hellen Raumarchitektur ganz auf das Zusammenwirken von gemalter Farbe und Licht ausgerichtet.Im 20.Jahrhundert aber wird es zusehens abstrakter.Edward Hoppers Bilder etwa künden von Menschen, die in ihren Räumen emotional unbehaust sind.Und Bruce Naumans beengende, grelle "Dream Passage" (1983) spielt nur noch auf die Dimensionen Licht und Seele an.

Allmählich verschwindet der Mensch aus den Interieur-Bildern, zurück bleiben nur die Utensilien wie Pantoffeln, Kerzen, Decken, Kissen oder Bücher.Der Russe Ilya Kabakov bringt das in einer eigens für diese Ausstellung entworfenen Installation auf den Punkt: "Im Wandschrank" zeigt den Zufluchtsort mit kleinem Bett, Lektüre, Licht, Essen Trinken, Radio, Bildern und Kuscheltieren.In einer offenen Gesellschaft, so der etwas melancholische Ausklang dieser ebenso klug durchdachten wie anschaulich inszenierten Schau, hat niemand mehr einen Raum für sich alleine.Doch Kabakov hat darin nicht nur für Kinder ein gemütliches Versteck eingerichtet.

Städel, Frankfurt (Main), bis 10.Januar; Katalog 48 DM.

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