Kultur : Die Seele ist ein Unterseeboot

Björk ist die Sängerin des 21. Jahrhunderts: Mit „Medúlla“ beweist sie ihren Ausnahmestatus

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Björk, Sie haben vor kurzem ihr zweites Kind bekommen. Stimmt es, dass sich das Kinderkriegen auf alles auswirkt? Sogar auf die Kunst?

Für mich fühlt sich das nicht so an. Aber das liegt an meiner isländischen Herkunft. Wir gehören da eher zur alten Schule. Und ich selbst komme aus einer sehr großen Familie mit drei Brüdern und drei Schwestern, wobei ich die Älteste bin. Ich war also immer von Kindern umgeben, so dass es nicht das große Ereignis war, als ich plötzlich ein eigenes hatte. Die Frauen auf Island sind überdies sehr stark. Wir hören nicht auf zu arbeiten, wenn wir ein Kind bekommen.

Und künstlerisch? Ist es der passende Moment für einen Stilwechsel?

Mmmmh. Da ist was dran. Wobei ich mit 20 zum ersten Mal Mutter wurde. Und nun, wo das eine Kind sich löst, kommt das andere. Aber ich spüre eine große physische Veränderung. So eine Schwangerschaft ruft einem den eigenen Körper stark in Erinnerung. Die eigene Seele taucht wie ein U-Boot unter dem Baby weg. Man spürt plötzlich seine Muskeln ganz anders. Mit 20 habe ich das nicht so wahrgenommen, aber jetzt: Jeden Tag passieren 57 Wunder. Ich habe mich gar nicht mehr als die alles schöpfende Sängerin gesehen, sondern meinen Körper als schöpfende Instanz.

„Medúlla“ hat zwei große Themen: der Mensch in Relation zur Natur und die Rolle der Frau in all ihren gesellschaftlichen Verflechtungen. Wobei es in den Songs ja meist um Zweierbeziehungen geht.

Oh ja. Ich habe mich stark mit Fragen wie Großzügigkeit beschäftigt. Es heißt ja, dass Frauen, besonders Mütter, die fürsorglicheren Wesen seien, während Männer grausam und auf das Verteidigen ihres Terrains bedacht sind. Aber ich für meinen Teil bin sehr wohl besitzergreifend, wenn es meinen Sohn betrifft. In der Schwangerschaft ist es ein Leichtes, die Umwelt auszublenden und nur noch eins mit seinem Baby zu sein. Das ist dann nicht unbedingt großzügig, sondern egozentrisch. Viele Mütter wollen nicht, dass ihre Kinder andere Leute mögen. Sie sollen sich nur auf sie beziehen.

Trotzdem skizzieren Sie die Frau in vielen Songs als gebendes Wesen, wie etwa in „Pleasure Is All Mine“. Sie fragt sich zwar, wo die Grenzen der Toleranz sind, ist aber doch generös genug, ihren Partner an eine Andere abzutreten – wie in „Sonnets/Unrealities XI“. Das ist eine ziemlich defensive Rollendefinition.

„Where Is The Line“ ist aus Sicht eines Mannes geschrieben, eines Verwandten von mir. Es bestätigt, nebenbei bemerkt, die These, dass Männer in territorialen Kategorien denken. „Pleasure Is All Mine“ hebt es als Stärke hervor, wenn man viel geben kann. Wenn du auf der Straße eine unglückliche Frau siehst, dann liegt ihr Unglück vielleicht darin begründet, dass sie niemanden hat, dem sie etwas geben kann. „Sonnets/Unrealities XI“ geht auf ein Gedicht von E.E. Cummings zurück. Darin singt ein Mann zu einer Frau – ich habe das umgedreht.

Auf dem Album hört man nicht ein einziges Instrument, nur Stimmen. Mit diesem Experiment machen Sie es dem Hörer nicht leicht.

Stimmt. Ich war mir selbst lange unsicher, welchen Weg das Album einschlagen würde. Erst allmählich zeichnete sich ein Vocal-Only-Album ab. Ich begann mit vielen Instrumenten zu arbeiten, aber als ich um Weihnachten herum mit dem Isländischen Nationalchor zu tun hatte, blendete ich ein Instrument nach dem anderen wieder aus. Sie langweilten mich. War ich doch gerade erst von einer Tour mit 17 Musikern zurückgekehrt. Wobei jetzt bestimmt alle denken, dass ich ein Yoko-Ono-Avantgarde- Album gemacht habe. Aber das wäre zu einfach gewesen, nur verrückt sein zu wollen. Ich hatte ein Album im Sinn, bei dem jeder mitsingen kann. Oder es zumindest versuchen darf. Seltsam ist, dass ich bei der Entstehung von „The Vespertine“ ähnlich dachte. Damals entstand jeder Song aus einem Mosaik von bis zu 40 Micro-Beats. Aber wann immer ich in den letzten zwei Jahren in einer Bar war und getrunken hatte, nervte mich die elektronische Musik nur noch. Sie war überall. Also haben wir immer öfter die Musik ausgemacht und zusammen gesungen: einer den Beat, der andere die Bassline. Das war sehr lustig, betrunken alte Rave-Klassiker oder Techno-Tracks zu singen: White-Trash-Versionen.

Das dürfte den Musikern von Matmos nicht gefallen haben, die Sie zuletzt immer begleitet haben.

Ich wollte ja mit ihnen aufnehmen. Sie waren anfangs im Studio auch dabei. Genau genommen war es Drew von Matmos, dem als Erstem auffiel, dass es mich in eine andere Richtung zog. Als er bemerkte, dass ich an all den Noise-Effekten rumdrehte, ohne dass mir irgendwas gefallen hätte, außer den Vocals, da sah er mich an und sagte: „Björk, du wirst ein A-cappella-Album machen. Das ist dir doch klar, nicht wahr?“ Drew hat dann, da er ein Sweetheart ist, angefangen, für mich nach Vocal-Only-Alben zu suchen. Er gab mir zwei Compilations, auf denen nur Gesangsstücke versammelt waren. Er hat mich davon überzeugt, die Sache so konsequent wie nur möglich durchzuziehen.

Sie haben dabei trotzdem auf prominente Unterstützung zurückgegriffen. Wieder war Mark Bell, der zwischenzeitlich zu Depeche Mode gewechselt war, Ihr Produzent. Aber auch so illustre Gestalten wie Mike Patton (früher „Faith no more“) und Robert Wyatt (ehemals Soft Cell) wirkten mit. Wie kam es dazu?

Wyatt fiel mir relativ spät ein, so im Mai. Mir war zu diesem Zeitpunkt aufgefallen, dass in dem Puzzle noch etwas fehlte: Jemand, der Geschichten erzählt, der Herz hat und ein Gespür für dramatische Spannungsbögen. Ein Folksänger. Ich habe ihn also angerufen und er hat erfreulicherweise sofort zugesagt. Drei Tage später saß ich schon mit meinem Laptop und einem Mikrofon bei ihm im Schlafzimmer. Wir haben nur einen Tag für alles gebraucht und uns danach betrunken. Er ist unglaublich. Ich bin sehr froh, dass ich ihn zu Hause besuchen durfte. Diese Umgebung, seine polnische Frau, all das hat sich stark auf die Musik ausgewirkt.

Sie sind mit dem New Yorker Künstler Matthew Barney liiert, dem Vater Ihres zweiten Kindes. Tauschen Sie sich über aktuelle Projekte aus?

Wir diskutieren, aber nicht viel. Wir sind beide eher schweigsame Künstlertypen, was den konkreten Entstehungsprozess angeht. Wenn man eine neue Idee hat, sollte man sie nicht rausposaunen – sonst ist sie weg. Sie muss erst in einem selbst reifen. Wir unterhalten uns weniger über das konkrete Werk, als vielmehr über den ganzen Apparat, der es umgibt. Wir beschäftigen ja beide viele Mitarbeiter. Das ist nicht immer ganz leicht, weil einige von diesen Leuten ihre eigenen Projekte für uns aufgeben oder hintenanstellen. Wie soll man mit dieser Großzügigkeit umgehen? Aber hauptsächlich sind Matthew und ich Boyfriend und Girlfriend. Wir sind jetzt viereinhalb Jahre zusammen. Der größte Einfluss davon auf unsere Arbeit ist, dass es eine glückliche Beziehung ist: Man ist so viel stärker, selbstsicherer, wenn man viereinhalb Jahre lang geliebt wird.

Ist es Ihnen unangenehm, mehr von anderen zu bekommen, als Sie ihnen geben können?

Ja. Ich kann mich glücklich schätzen in meiner Position. Ich kenne viele Leute, die auch Musik machen, die mindestens genau so talentiert sind wie ich, aber bei denen es nicht so gut hingehauen hat. Klar, ich habe sehr hart für meinen Erfolg gearbeitet, aber ich weiß auch, dass es Menschen gibt, die mir helfen, mein Universum zu kreieren. Ich muss mich für sie verantwortlich fühlen. Es ist eine mütterliche Rolle, in der ich mich da sehe. Es ist doch so: Wenn man damit aufhört, den anderen etwas zurückzugeben, dann versiegt etwas. Man muss Dinge im Fluss halten, einen Flow kreieren. Darin besteht meine Verantwortung. Macht das Sinn?

Das Gespräch führte Thomas Venker.

Geboren 1965 in Reykjavik, wuchs Björk Gudmundsdottir nach der Scheidung der Eltern in einer Kommune auf. Mit 12 veröffentlichte sie

ihr erstes Album. Seit sie 1986 die Sugarcubes ins Leben rief, ist Björk der berühmteste Island- Export, seit Leif Eriksson Amerika entdeckt hat.

Nach der Auflösung der Band machte sich Björk solo einen Namen. Mit ihren Alben „Debut“ (1993), „Post“ (1995), „Homogenic“ (1997), „Selmasongs - Music from Dancer in the Dark“ (2000) sowie zuletzt „Vespertine“ erarbeitete sich die Künstlerin einen Ausnahmestatus in der internationalen Popszene. 2000 wurde sie in Cannes für ihre Rolle als verhaltensgestörte Arbeiterin in Lars von Triers „Dancer in the Dark“ ausgezeichnet. Am Montag erscheint ihr neues Album „Medúlla“ (Polydor).

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