Kultur : Die Seelenmalerin

Zum 80. Geburtstag der Berliner Schriftstellerin Gerlind Reinshagen

Wend Kässens

„Unsere rechnende Vernunft reicht niemals an die Fantasie des Lebens“, heißt es in ihrem neuen Roman „Vom Feuer“. Seit mehr als 50 Jahren umkreist Gerlind Reinshagens Werk diese Erkenntnis. Die gebürtige Königsbergerin, die heute im Berliner Stadtteil Friedenau zu Hause ist, liefert in „Vom Feuer“ (Suhrkamp, 197 Seiten, 19,80 €) eine Paraphrase ihres gesamten Werks, insbesondere ihrer für das Theater geschriebenen deutschen Trilogie. Das Buch ist die Lebensbefragung jener Zwischengeneration, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat – früh konfrontiert mit Liebe und Tod, mit Heldenverehrung und Enttäuschung, ganz und gar auf sich gestellt, weil die Väter im Krieg waren und die Mütter das Überleben sichern mussten. Die traditionell männliche Erzählung vom Krieg findet hier einen weiblichen Gegenpart. Die Mädchen und jungen Frauen halten fest, was sich der Ratio entzieht.

„Vom Feuer“ berichtet aus der wechselnden Perspektive zweier Ich-Erzählerinnen in verspielter und betont leichter, seinem Gegenstand nur scheinbar unangemessener Sprache: großes Epos, Lebensbilanz, theatralischer Hexentanz. Eine Parabel auf unsere Existenz, ein assoziativer Geschichtenbogen des eigensinnigen Denkens – gespannt zwischen dem Bombenkrieg, der Zerstörung der deutschen Städte in den letzten Kriegsjahren und unserer Epoche. Das Bild einer Generation, die, herausgefordert durch die existenziellen Umbrucherfahrungen, nie aufgehört hat, im falschen Leben nach dem richtigen zu suchen.

Gerlind Reinshagen begann mit Kinderbüchern und Hörspielen. In den sechziger Jahren kamen Theaterstücke dazu, die sie berühmt machten als über viele Jahre meistgespielte Dramatikerin auf Deutschlands Bühnen. Claus Peymann brachte 1968 ihr Stück „Doppelkopf“ zur Uraufführung, ein ins Groteske gesteigertes Spiel über das doppelte Gesicht des Karrieristen Heinrich Hoffmann, den es beim Betriebsfest im Spagat zwischen Angestelltentisch und Direktorentisch buchstäblich zerreißt. Auch ihr Theaterstück „Himmel und Erde“ über die eigenwillige Lebens- und Männerbilanz einer Frau angesichts des Todes hat Peymann als Erster herausgebracht.

Alfred Kirchner inszenierte 1976 ihr bekanntestes Drama „Sonntagskinder“, für das sie den Mülheimer Dramatikerpreis erhielt. Michael Verhoeven hat den impressionistischen Bilderbogen über das kleinstädtische Leben und Sterben während der Nazikriegsjahre aus der Perspektive von Jugendlichen später verfilmt. „Sonntagskinder“ wurde fortgeschrieben in die fünfziger Jahre: „Das Frühlingsfest“ erzählt von Aufbruch, Neuaufbau, Restauration und dem erneuten Beginn skrupelloser Geschäfte. 1989 dann das nächste Fest, gleichsam ein Herbstball aus Anlass eines Geburtstags in „Tanz Marie“, der Blick in die achtziger Jahre, die Protagonisten sind festgefahren im materiellen und seelischen Wohlstandsgerümpel. Maries inzwischen erwachsene Kinder haben alle Zukunftsentwürfe ad acta gelegt. Nur Marie selbst leistet sich auch im Alter noch ihre Träume. Und macht deutlich, dass immer noch etwas möglich ist. So bilden „Sonntagskinder“, „Das Frühlingsfest“ und „Tanz Marie“ eine deutsche Trilogie.

1981 kam ihr erster Roman heraus, „Rovinato oder Die Seele des Geschäfts“, dem weitere Romane und Erzählungen folgten. Gerlind Reinshagen, die sich immer wieder mit berühmten Vorgängerinnen beschäftigt hat, mit Virginia Woolf, den Brontës, Else Lasker-Schüler oder Gertrud Kolmar, erzählt darin auf poetische Weise von Lebenslügen, Träumen und Albträumen, aber auch von den Frösten der Freiheit, um ein Bild von Marieluise Fleißer aufzugreifen, deren Beschäftigung mit dem Kleinbürgertum sie in vielerlei Hinsicht beerbt hat. Immer geht es ihr um die Behauptung des Individuums gegen seine Einsager, um das Zulassen der Gefühle, um „Mitleid, Liebe, Furcht, alles, was verpönt ist heutzutage“. Heute wird Gerlind Reinshagen 80 Jahre alt.

Das Literaturforum im Brecht-Haus veranstaltet am Freitag, den 26. Mai in Anwesenheit von Gerlind Reinshagen ein Symposion zu Ehren der Autorin.

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