Kultur : Die Sehnsucht des Fotografen

Freunde unter sich: Der Neue Berliner Kunstverein präsentiert William Eggleston und Wilmar Koenig

Ulrich Clewing

Was wäre die Kunst ohne Künstlerfreundschaften? Sicher um eine romantische Idee ärmer: Zwei, die sich verstehen, sich beeinflussen, anspornen und zu einer Meisterschaft treiben, die dem Einzelnen möglicherweise versagt geblieben wäre. Bei den Fotografen William Eggleston und Wilmar Koenig sieht das so aus: Seit zwanzig Jahren unternehmen die beiden zusammen Reisen, auf denen sie das tun, was sie besonders gut können – fotografieren. Siebzig ihrer Bilder sind derzeit im Neuen Berliner Kunstverein zu sehen, in zwei etwa gleich großen Blöcken. Der eine stammt von einer Tour 1984 durch Egglestons Heimatstadt Memphis, der andere entstand diesen Sommer während eines gemeinsamen Aufenthalts in Madrid.

Eggleston (Jahrgang 1939) ist nicht nur ein internationaler Star, sondern einer der wenigen echten Revolutionäre der Kunst. Anfang der Siebzigerjahre zählte er zu jener Handvoll Erneuerer, die mit dem Schwarz-Weiß-Dogma brachen und der Fotografie die Farbe zurückgaben – was seinerzeit bei ihrer ersten großen Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art noch für einen handfesten Skandal gesorgt hatte. Eggleston fotografiert Alltagsdinge, Alltagssituationen, die auf den ersten Blick oft so banal erscheinen, dass sie schon wieder rätselhaft sind, weil man sich fragt, was den Fotografen wohl ausgerechnet daran interessiert haben mag: Autos auf einem Parkplatz, verdörrende Blumen am Straßenrand, ein Tisch, eine Zimmerpflanze, ein Telefon. Bei genauerem Hinschauen entdeckt man jedoch, dass Eggleston noch im Beiläufigsten die Komposition der Formen erkennt, das Leuchten der Farben.

Wilmar Koenig tut es ihm gleich – freilich nicht als 13 Jahre jüngerer Adept, sondern als eigenständiger Charakter, der mit dem Älteren auf höchstem Niveau dieselbe Vorliebe teilt. Obwohl die Fotografien in der Ausstellung getrennt hängen, fällt es manchmal schwer, sie auf Anhieb zuzuordnen. Es sind zwei sehr ähnliche künstlerische Temperamente, die hier aufeinander treffen. Dass Eggleston seinen Stil bereits voll entwickelt hatte, als der gebürtige Berliner zunächst sein Architekturstudium aufnahm, darauf findet sich in der Schau, die ausnahmslos aus Koenigs privater Sammlung bestückt ist, nur ein einziger Hinweis: Egglestons berühmtes Foto „Untitled (Greenwood, Mississippi)“ von 1973, eine Glühbirne mit drei weißen Kabeln an einer schreiend roten Zimmerdecke.

Wenn es zwischen den beiden Unterschiede gibt, dann nur in Nuancen. Eggleston geht ein bisschen näher an die Motive heran, bei ihm schiebt sich ständig irgendetwas in den Vordergrund, Ausblicke in die Tiefe des Raums sind selten. Bei Koenig sind die Bilder offener, weniger zugestellt. Wenn er den Himmel über Madrid fotografiert, dann nimmt er noch die Traufe eines Hochhauses mit in den Ausschnitt, um zu zeigen, wie hoch es dort oben wirklich ist. Eggleston ist da radikaler: Er hält die Kamera direkt in die Wolken. Doch auch hier drängt sich etwas zwischen Fotograf und Sehnsuchtsziel. Eine Reihe Telefonkabel zieht sich als Lineament von links nach rechts quer über die gesamte Breite des Blatts . Es ist die Grenze, die Eggleston stets beachtet: das menschliche Maß.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, bis 17. Oktober. Der Katalog kostet 18 Euro.

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