Kultur : Die Seine war ihr Schicksal

Christina Tilmann

Ein Sommertag in Paris, ihr zwei allein. Die verwunschene Buchhandlung, das verrauchte Café, ein Spaziergang zur Seine, eine Fahrt auf dem Touristenboot direkt in die Sonne hinein, dir immer zur Seite diese blondlockige, zarte, aufgekratzte Frau, bezaubernd und nervig zugleich, die dich überschüttet mit ihren Überzeugungen und Zweifeln und Ängsten und Einsamkeiten. Ein einziger langer Lebensmonolog, ohne Punkt und Komma, da kann man nur zuhören und zuhören und, ja, sich unweigerlich verlieben. Zum zweiten Mal.

Damals, das war vor drei Jahren, seid ihr in ihrer Wohnung gelandet, die Katze auf dem Hof, der Efeu am Haus, die Kissen auf dem Boden, und, ja, die Gitarre, ihr Liebeslied. Der lange, schöne Sommernachmittag, zwei Stunden nur, die Zeit verflog, und dann war es schon vorbei, alles noch vor Sonnenuntergang, und danach alles offen, und auch alles möglich.

Jetzt, drei Jahre später, ist sie wieder unterwegs, die blonde Fee namens Julie Delpy. Wandert wieder durch Paris, wieder ein Mann, ein Amerikaner an ihrer Seite, dieses Mal nicht Ethan Hawke, sondern Adam Goldberg, auch sind es diesmal nicht zwei Stunden, sondern zwei ganze Tage. Und auch der Ton ist merklich anders. Hatte Regisseur Richard Linklater in „Before Sunset“ 2004 die charmante Utopie einer zweiten Chance beschworen, neun Jahre nach der ersten Begegnung in Wien in „Before Sunrise“, setzt Julie Delpy, die bereits am Drehbuch von „Before Sunset“ mitgeschrieben hatte, in ihrem Regiedebüt „2 Tage in Paris“ nun jeder Hoffnung auf einen Neuanfang ein Ende. Und das in einem Film, der sich, anders als Richard Linklaters romantische Stadtexkursionen, explizit als Komödie ausgibt.

Eine Komödie nicht der Irrungen, sondern der Vorurteile. Hatte Richard Linklater, der Amerikaner, noch in den touristischsten Bildern von Paris (Literatentreff! Bistro!! Bateau Mouche!!!) das sanfte Versprechen gesehen, dass hinter dem ersten Anschein alles auch anders sein könnte, führt die Pariserin Julie Delpy die negativen Eigenarten ihrer Landsleute vor.

Etwa die unfreundlichen, rassistischen oder ihre Passagiere belästigenden Taxifahrer. Die Ex-Lover, die noch Jahre später vom gemeinsamen Sex träumen und täglich mit anzüglichen SMS-Nachrichten grüßen. Die Alt-Achtundsechziger-Eltern aus dem Künstlermilieu, die natürlich außer Französisch keine andere Sprache sprechen, zu Mittag Innereien servieren und (Mutter) immer noch von ihrer Affäre mit Jim Morrison schwärmen oder (Vater) erotische Ölbilder malen und mit dem Wohnungsschlüssel falsch parkende Autos zerkratzen.

Die Eltern werden übrigens von Julie Delpys echten Eltern Marie Pillet und Albert Delpy gespielt, auch ihre Katze spielt sich selbst, und in einer kurzen Gastrolle ist Daniel Brühl als fanatisch-sanfter ÖkoTerrorist zu sehen. Für den Soundtrack hat Julie Delpy, die seit einiger Zeit an einer Zweitkarriere als Sängerin arbeitet, einige Vocals beigesteuert, einschließlich des Titelsongs.

Kein Wunder, dass Jack (Adam Goldberg), der unter Migräne leidende amerikanisch-jüdische Intellektuelle, von diesem Paris mindestens so schnell die Nase voll hat wie von seiner zwar charmanten, aber wankelmütigen Begleiterin Marion (Julie Delpy). Eifersucht kommt auf, dazu Trotz, Beschuldigungen, Unterstellungen und Reue, und am Ende landet das ungleiche Paar in einer ausgewachsenen Beziehungskrise. Das ist, in seiner satirischen Zuspitzung und den derben, zugespitzten Dialogen, eine Strecke weit amüsant, trifft auch manchen wahren Ton,und endet doch vorhersehbar in Bitterkeit. Zwei Tage hätte man diesem Paar nicht erst gegeben, kaum einmal zwei Stunden. Und hätte, statt sie die ganze Nacht streiten zu sehen, doch lieber von einem neuen Sonnenaufgang geträumt und einem neuen Tag danach.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Central, Hackescher Markt, Delphi, International, Kurbel, Odeon und Yorck

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