Kultur : Die Selbstzerstörung Europas

Vor 90 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Deutschland löschte ihn aus seiner kollektiven Erinnerung. Doch wir leben in einem Kontinent, dessen Landkarte noch immer das Ergebnis dieses Krieges ist

Bernhard Schulz

Der Kalender des 20. Jahrhunderts ist übersät mit Gedenktagen bedrückender Geschehnisse. In Deutschland konzentriert sich das Gedenken im wesentlichen auf den Zeitraum von 1933 bis 1945. Das NS-Regime und seine Untaten überschatten alles, was zuvor war, und belasten, was sich danach zugetragen hat.

So ist auch der Erste Weltkrieg hierzulande dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden; beinahe so fern gerückt wie die Schlacht bei Königgrätz oder der Dreißigjährige Krieg. Dabei galt er – und gilt in den westeuropäischen Ländern bis heute – als „Urkatastrophe Europas“; als jene rätselhafte Selbstzerstörung eines Kontinents, der sich bis 1914 auf dem Weg unaufhörlichen Fortschritts wähnte. Allem Säbelrasseln zum Trotz hatte man nicht an die Möglichkeit eines solch apokalyptischen Irrsinns geglaube, wie er sich bereits Wochen nach Kriegsbeginn an allen Fronten offenbarte.

Am 1. August vor 90 Jahren begann der Erste Weltkrieg; The Great War, wie er bis heute in Großbritannien heißt oder La Grande Guerre in Frankreich, den beiden Verbündeten der Entente. „Alle Mächte sind in den brodelnden Kessel des Krieges hineingeschlittert“, prägte der fassungslose britische Premierminister David Lloyd George ein berühmtes, im geschlagenen und vom Versailler Vertrag 1919 mit der Alleinschuld beladenen Deutschland begierig aufgegriffenes Wort. So war es allerdings nicht – wie man schon damals wusste. Was aus heutiger Sicht so frappiert, ja entsetzt, ist der Automatismus, mit der der Krieg Rädchen um Rädchen ins Werk gesetzt wurde: sehenden Auges von allen Akteuren, die sich seit Jahr und Tag zugleich mit der Vorbereitung wie der Verhinderung von begrenzten Feldzügen befasst hatten. Mit dem Ausbruch eines gesamteuropäischen Krieges jedoch waren sie überfordert.

Zwei Jahrzehnte lang dauerten nach dem Ende des Abschlachtens die Diskussionen um den „Sinn“, ehe der nächste, die ohnehin schon strapazierte Vorstellungskraft ein weiteres Mal überfordernde (Zweite) Weltkrieg begann. Allein neun Millionen Soldaten starben im Ersten Weltkrieg. Über die zivilen Opfer gehen die Schätzungen weit auseinander, da Seuchen wie die Grippeepidemie von 1918 sowie lokale ethnische Konflikte die Statistik des Todes verzerren.

Im geläuterten Deutschland nach Hitler klingt allein schon die Frage nach dem Sinn eines Krieges frivol. Erst recht die Antworten, die seinerzeit angesichts der noch vorhandenen Perspektive eines europäischen Mächtegleichgewichts überhaupt von nationalen Interessen und nationaler Politik gegeben wurden. Es ist nicht zuletzt die augenscheinliche Sinnleere dieses Ersten Weltkrieges, die ihn aus dem deutschen Kollektivbewusstsein gedrängt hat. Er taugt, anders als der Zweite, nicht einmal als Erziehungsanstalt für moralisch fundierte Politik. Der „Krieg zum Ende aller Kriege“, als den ihn der Schriftsteller H.G.Wells emphatisch begrüßte, erwies sich lediglich als Auftakt jenes „Dreißigjährigen Bürgerkrieges“, der Europa bis zur vollständigen Zerstörung von 1945 heimsuchte.

Mit dem Vergessen ist in Deutschland das Bewusstsein historischer Bezüge verloren gegangen. Auch darum wurde die Wende von 1989/90 in ihrer europäischen Dimension hierzulande so wenig begriffen. Was mit dem Zerfall des Kommunismus auf die Landkarte zurückkehrte, war nichts weniger als das „System von Versailles“ – jene Quadratur des Kreises, die die blauäugige Forderung des amerikanischen Präsidenten Wilson auf „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ mit der französischen Maxime nach Eindämmung des amputierten deutschen Reichs verbinden sollte. Das eine wurde so halbherzig ausgeführt wie das andere. In jeder Nation entstand nach 1918 eine eigene Erzählung des Krieges, nicht nur jene stets antipodische von Sieger und Besiegtem, sondern differenziert nach Sieg, Niederlage, Verrat, enttäuschten Hoffnungen, nach nationaler Wiedergeburt oder Unterdrückung. In Russland war diese Kriegserzählung zudem überlagert von der bolschewistischen Diktatur, deren Schrecken die des Krieges ins Unermessliche steigerte.

Im Deutschland der Weimarer Zeit verengte sich der Blick auf die „Dolchstoßlegende“, auf jenes „Im Felde unbesiegt“. Millionen demoralisierter Frontsoldaten wussten es besser. Oder sie blendeten es aus wie der kriegsfreiwillige Meldegänger Adolf Hitler, dessen Eroberungsgelüste die wüstesten Fantasien seiner einstigen Vorgesetzten übertrumpften. Dieser Zusammenhang von Erstem Weltkrieg und von innen ausgehöhlter Weimarer Republik, der bis 1939 in der Trauer über zwei Millionen sinnlos gestorbener Soldaten präsent blieb, ging schließlich verloren. Umso erratischer schiebt sich der Erste Weltkrieg in den Blick auf das Europa der vermeintlich guten, alten Zeit.

Die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg, die das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin noch bis zum 15. August zeigt, entspricht dieser Distanz. Die deutsche Nachkriegs-Geschichtswissenschaft hatte sich in ihrem Historikerstreit avant la lettre, der Fischer-Kontroverse von 1961, die These Fritz Fischers vom „Griff nach der Weltmacht“ zu eigen gemacht und mochte nicht länger um Schuld rechten. Mittlerweile hat sie sich ganz auf eine „Kulturgeschichte des Krieges“ verlegt.

Man könnte die Darstellung von Mentalitäten, Erlebnissen, Erinnerungen auch als Individualgeschichte des Krieges bezeichnen. Was in der Sphäre der großen Politik geschah, hat seine Faszination verloren in einer Zeit, da Kollektivsysteme von EU bis UNO eine Handlungsexplosion wie Anfang August 1914 auszuschließen versprechen.

Was damals geschah, ist bestens dokumentiert. Warum es geschehen konnte, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander. Die damaligen Ehrbegriffe, wie sie nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Staaten für sich in Anspruch nahmen, sind verwelkt. Nur noch Historiker verstehen die Logik, derzufolge nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo die Habsburger Doppelmonarchie Serbien drohen musste. Höchstens sie verstehen, warum das Deutsche Reich diplomatisch zu Hilfe eilte, Russland am 30. Juli mobil machte und Deutschland am 3. August Frankreich den Krieg erklärte. Und warum Großbritannien ein Millionenheer als Expeditionskorps schickte und das Haus Romanow 1917 in der Russischen Revolution unterging. Nur noch Historiker kennen Bismarcks cauchemar des coalitions, die Angst vor der Einkreisung Deutschlands, die die hochmütige Politik der Wilhelmstraße heraufbeschwor.

Und dann lief im Hochsommer 1914 der jahrzehntelang entwickelte, quasi-automatische Schlieffen-Plan an, demzufolge erst Frankreich bezwungen werden musste, um danach das Gros des Heeres gegen Russland zu wenden. Jedoch – es ging alles, alles schief.

Der Rest ist schnell erzählt. Schon im Spätsommer fraß sich die Westfront in Belgien und Nordfrankreich fest. Großbritannien kam zur Hilfe; die Seemacht wurde zur Landmacht. Hunderttausende verbluteten an der Maas, vor Verdun, an der Somme; jede Schlacht war furchtbarer als die vorangehende, jede sinnloser. An der Somme wurden im Sommer 1916 zehn Kilometer Geländegewinn von der Entente – Frankreich und Großbritannien – mit 626000 Toten und Verwundeten bezahlt, der vollständige Durchbruch vom deutschen Heer mit Verlusten von fast 500000 Mann verhindert. Nie zuvor war Krieg derart auf bloße Materialschlacht reduziert, mit dem „Menschenmaterial“ als beliebiger, namenloser – und durch das Granatfeuer oft buchstäblich ausgelöschter – Materie. Ernst Jünger hat dieses „Fronterlebnis“ in seinem Buch „In Stahlgewittern“ geschildert, mit der Faszination des kalten Schreckens.

Keine der kriegsführenden Seiten fand einen Ausweg aus dem Desaster. Im Gegenteil, je länger der Krieg dauerte, desto verbissener musste er geführt werden, um die bereits erbrachten Opfer nicht der Sinnlosigkeit preiszugeben.

Der Krieg sah nur Verlierer. Die Mittelmächte sowieso; Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich verschwanden gleich ganz von der Landkarte. Aber auch Frankreich, das seinen „Erbfeind“ im Osten nicht loswurde, und vor allem das British Empire, das zwar durch neue Kolonien nochmals wuchs, aber sich von dem Aderlass nicht mehr erholte und seine Weltgeltung an die verbündeten USA abgab. Zwar entstanden zahlreiche neue Staaten, doch vielfach mit Minderheitenproblemen befrachtet, die überhaupt erst durch diese Staatswerdungen zu ethnischen Konflikten heranwuchsen.

In Europa waren die Lichter ausgegangen, wie es der britische Außenminister Edward Grey – mit seiner schwankenden Politik am Kriegsausbruch nicht unschuldig – 1914 deprimiert umschrieben hatte. Jedes Land konstruierte sich seine eigene Rechtfertigung. Doch wie der 41-jährige Oxford-Historiker Niall Ferguson 1998 in seinem brillanten Buch „Der falsche Krieg“ gezeigt hat, reichen weder Nationalismus noch Imperialismus noch Militarismus als Deutungsmuster aus, um den Ausbruch des Krieges und dessen Verlauf hinreichend zu erklären.

Auch die lange Zeit als Auslöser der Katastophe benannten Kriegsziele, die nicht nur in Deutschland immer größenwahnsinniger ausfielen, waren weniger Ursache des Krieges als dessen unmittelbare Folge. Sie waren Rechtfertigungen für einen „Waffengang“, dessen maschinenmäßige Logik allein den Militärs überlassen worden war.

Der Erste Weltkrieg hat die Landkarte Europas verändert, und die Epoche des Ost-West-Konflikts, die ihrerseits ein neues Koordinatensystem über Europa gelegt hatte, ist durch die Ereignisse von 1989/90 zur bloßen Unterbrechung geschrumpft. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass seit dem 1. Mai 2004 mit dem EU-Beitritt der infolge des Versailler Vertrages entstandenen ostmitteleuropäischen Staaten in Umrissen jener „Mitteleuropäische Wirtschaftsbund“ Wirklichkeit geworden ist, den Reichskanzler Bethmann Hollweg als Ziel aufs Papier geworfen hatte – in seinem berühmt-berüchtigten „Septemberprogramm“ von 1914.

Diesen Vergleich zwischen 1914 und den Neunzigerjahren, den Niall Ferguson wagt, fasst die deutsche Historikerzunft nur mit spitzen Fingern an. Sie hat sich in der Erforschung des Bürgertums eingerichtet, seiner Eliten und Intellektuellen und deren unseliger Rolle bei der „geistigen Mobilmachung“ –all jenem Unsinn, vor dem eine humanistische Bildung nicht bewahrte. Sie ist jetzt – und die DHM-Ausstellung ist ihr Resultat – bei der Alltags- und Mentalitätsgeschichte angelangt.

Das Warum des Ersten Weltkriegs bleibt als Frage bestehen. Es gibt, jedenfalls aus deutscher Sicht, keine befriedigende Antwort. Die quälende Sinnleere dieses millionenfachen Menschenschlachtens bleibt. Dabei reichen seine Folgen weiter als die des Zweiten. Europas Landkarte ist heute (annähernd) wieder die nach 1918. Vor allem aber: Dass wir heute in einem größtenteils friedlichen, zivilisierten Europa leben können, haben wir – horribile dictu – auch diesem Krieg und seinen Toten zu verdanken.

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