Kultur : Die Sensationen des Gewöhnlichen

Teilnehmende Beobachtung auf den Straßen New Yorks: die Fotos des Exilanten Clemens Kalischer in zwei Ausstellungen

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Von Oliver Heilwagen

„Heutzutage würde man mich in eine derartige Baustelle nie hineinlassen, aber damals bin ich einfach in den Rohbau des Rockefeller Centers geklettert und habe die Arbeiter fotografiert“, erzählt Clemens Kalischer. Diese Worte sind bezeichnend für die Methode des agilen 81-Jährigen, der immer noch aktiv ist. Zeit seines Lebens hat er als neugieriger Flaneur seine Umgebung erkundet und aufgenommen, was ihm bemerkenswert schien.

Und das war eine Menge: Mehr als eine halbe Million Negative trug der langjährige Fotograf der „New York Times“ in seinem Privatarchiv zusammen. Nun widmet ihm das Willy-Brandt-Haus eine Retrospektive. Nach der Werkschau im Altonaer Museum in Hamburg Anfang des Jahres ist sie die zweite große Kalischer-Ausstellung in Deutschland. Zugleich zeigt die Galerie Argus Fotokunst seines Freundes und Förderers Norbert Bunge Vintage Prints aus fünf Jahrzehnten.

Menschen, die erkennbar vom Schicksal nicht verwöhnt wurden, versuchen sich in widriger Umgebung zu behaupten. Ob es sich um dreckverschmierte Straßenkinder im New York der vierziger Jahre handelt, um italienische Bauern, die in den Sechzigerjahren im Piemont noch mit Eselskarren zur Feldarbeit ausrücken, oder um Bergleute in Pennsylvania, die ihre blütenweiße Wäsche zum Trocknen vor pechschwarzen Abraumhalden aufhängen: Stets berichten die Bilder von den Mühen des Daseins und seiner gelungenen Bewältigung. Allen Porträtierten belässt Kalischer ihren Stolz und ihre Würde. Sein menschenfreundlicher Blick stellt seine Zeitgenossen nie bloß oder klagt sie an. Statt dessen gilt sein Interesse den Sensationen des Gewöhnlichen.

Geduldig scheint er zu warten, bis sich in einer Geste oder Bewegung das Exemplarische einer Situation offenbart. So gelingt es ihm, den Betrachter sofort für die anonymen Hauptdarsteller und ihre Geschichte einzunehmen. Mit Recht ist von diesen Fotografien gesagt worden, sie wirkten wie Szenenbilder aus einem nicht gedrehten Film, dessen Beginn und Ende man gerne kennen lernen würde. 1948 begleitete Kalischer die Ankunft von Flüchtlingen aus dem kriegszerstörten Europa in New York. Mit diesen so genannten „displaced persons“ teilte er das selbe Los. Sechs Jahre vorher war er selbst mit 21 Jahren als Emigrant in Amerika eingetroffen, nachdem seine jüdische Familie unmittelbar nach Hitlers Machtübernahme aus Deutschland nach Frankreich geflohen war. Diskretes Mitgefühl prägt diese Arbeiten: Dem Fotografen genügte ein Detail, etwa eine Umarmung oder eine auf der Schulter ruhende Hand, um die Tragödien anzudeuten, die die Neuankömmlinge erlebt hatten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Berufsanfänger einige Semester an der Photo League und der New School of Social Research absolviert, an denen Fotografie mit hohem politischen Anspruch gelehrt wurde. Das spiegelt sich in Kalischers kunstvoll schmucklosen Kompositionen wider. Sie führen stilistisch eine spezifisch amerikanische Tradition der sozial engagierten Fotoreportage fort, die ein Jahrzehnt zuvor die Farm Security Administration begründet hatte. Ab 1935 schickte diese Regierungsbehörde die besten US-Fotografen kreuz und quer durch das Land, um die Ergebnisse von Roosevelts New Deal in teilnehmender Beobachtung zu feiern. Kalischers Sinn für aussagekräftige Einzelheiten bringen auch seine Porträts und Architekturaufnahmen zum Ausdruck, die in der Galerie Argus zu sehen sind. Seinen berühmten Kollegen Henri Cartier-Bresson lässt er irritiert an dessen Kamera herumnesteln. Am Architekten Frank Lloyd Wright interessiert ihn die kompliziert verschränkte Fingerhaltung, mit der dieser seinen Gehstock greift. Berlin, wo er die letzten drei Jahre vor seinem erzwungenen Exil verbrachte, besuchte Kalischer erstmals 1997 wieder.

Seine Sicht auf die Stadt seiner Kindheit fällt ernüchternd aus: Vor allem schier endlose Fensterreihen von Plattenbaufassaden fand Clemens Kalischer bei seiner Rückkehr ablichtungswürdig.

Von den Straßen New Yorks bis zu den Dörfern Italiens: Bis 29. September im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28. Di-So 12 - 18 Uhr. Vintage Prints aus fünf Jahrzehnten: Bis 27. Oktober in der Galerie Argus Fotokunst, Marienstr. 26 (Mitte), Mi-So 14 - 18 Uhr.

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