Kultur : Die Siburapha-Quote

Eine

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von Gregor Dotzauer

Reden wir nicht von literarischer Bildung, jedenfalls nicht gleich. So lange Berlins Regierender Bürgermeister keine Ahnung hat, dass man Rhythmus mit zwei H schreibt, der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 gedauert hat und 3 + 8 x 2 nie und nimmer 20 macht – so lange brauchen die Deutschen täglich GrundsatzTribunale wie den Wissenstest von „RTL-Exclusiv“ im Dezember. Gedenkjahre für Dichter erscheinen demgegenüber wie Luxus. Denn was wiegt die Aussicht, dass ein Elektriker im 200. Todesjahr von Friedrich Schiller mit den Versen von „Licht und Wärme“ auf den Lippen an die Arbeit eilt, gegen die Hoffnung, dass er hinterher eine korrekte Rechnung ausstellt. Aber der Mensch lebt nicht vom Strom allein, sagte bereits Schiller. Oder war es Thomas Mann, dessen 50. Todestag Lübeck zur Ausrufung eines Mann-Jahres nutzt? Neben den veranstalterischen Mühen, die so ein Toter kostet, verdient er durch Touristen ja wohl auch ein paar Cent Kurtaxe im Schlaf.

Wenn die Unesco Gedenktage ansetzt, geht es ihr natürlich ums Welterbe. Wie es um dessen Kenntnis steht, kann jeder selber testen. Denn nicht nur Wowereit plus Pisa geteilt durch Zeitungskrise ergibt Katastrophe. Auch rund 60000 nagelneue Bücher pro Jahr haben böse Folgen. Mit Jules Verne, dessen Todestag sich am 24. März zum 100. Mal jährt, hat zumindest der Kerneuropäer noch mal Glück gehabt. „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ oder „Der Kurier des Zaren“ sind Romane, um deren Überleben man sich nicht sorgen muss. Schon Hans Christian Andersen aber, der am 2. April 200. Geburtstag feiern würde, hat außerhalb von Dänemark nur noch die Konturen eines Märchenonkels. Und dann steigt das, was wir aus später zu erklärenden Gründen die Siburapha-Quote nennen, die Übereinstimmung von nationalem Ruhm und Unbekanntheit außerhalb der Landesgrenzen, dramatisch.

Im Fall von Ungarns unglücklichstem proletarischen Sänger, dem Dichter Attila József, der am 11. April 100 Jahre hätte werden können, wenn er sich nicht mit 32 vor einen Zug geworfen hätte, dürfte sie dank DDR-Übersetzungen von Stephan Hermlin und Franz Fühmann, immerhin auf 90 Prozent kommen. Der Russe Michail Scholochow, 1965 Nobelpreisträger für das Kosakenepos „Der stille Don“ und am 24. Mai als 100-Jähriger zu feiern, könnte sogar darunter liegen. Die volle Punktzahl jedoch geht an den Ägypter Yahya Haqqi, obwohl seine „Öllampe der Umm Hashim“ in der Berliner Edition Orient erschienen ist. Und auf glatte 120 Prozent kommt der thailändische Namenspatron der Quote selbst. „Behind the painting“, so Siburaphas berühmtester Roman, angeblich eine zu Tränen rührende Liebesgeschichte, ist auch auf Englisch vergriffen – abgesehen davon, dass das genaue Datum von Siburapahas 100. (wie bei Haqqi) im Dunkeln liegt. Also: Senkt die Siburapha-Quote! Aber zuvor werden Hauptstädte und Grundrechenarten gepaukt.

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