Kultur : Die Sitzenbleiber

Luk Perceval inszeniert an der Schaubühne Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“

Andreas Schäfer

In südlichen Ländern lässt sich hin und wieder diese Strandszene beobachten: Ein Mann (es ist immer ein Mann!) steht gebeugt über einem Felsen und schleudert mit voller Wucht einen Oktopus auf den Stein. Er hebt ihn auf, holt weit aus und schmettert ihn erneut auf den Boden. Das tut er Minuten lang. Das hallende Klatschen klingt furchtbar, aber nur so wird das Gift der Angst aus dem Körper des Tieres geschwemmt, damit das Fleisch später schön zart ist.

Ähnlich verfährt Regisseur Luk Perceval an der Berliner Schaubühne mit dem modernen (und auch oft verfilmten) Klassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller. Anderthalb Stunden schmettert er die Figuren gegen die Wand der Eindimensionalität, lässt die Schauspieler sich körperlich verausgaben. Rotz und Speichel fließen, Bäuche wabbeln, nackte Brüste schaukeln. Vieles sieht und hört sich furchtbar an. Doch zwischendurch entstehen – oh Wunder – rührende Szenen auswegloser Einsamkeit, beklemmende Momente der Stille, in denen die Verzweiflung dieser Familie Loman geradezu mit Händen zu greifen ist.

Wahrhaftigkeit durch Erschöpfung, dieses gern auf die Bühnen gewuchtete Modell (dem auch die meisten Abende Frank Castorfs gehorchen) geht oft nach hinten los. Hier funktioniert es, weil die Sprachlosigkeit so tief und die Aggression direkt unter der pergamentdünnen Haut der Figuren liegt, dass die noch immer vor sich hinglimmende Liebe zueinander nur durch Verausgabung freigesetzt werden kann. Thomas Thieme ist Willy Loman, Handelsvertreter, ausgebrannt, gedemütigt, weil vom schmierigen Jungmanager gerade zum Freelancer degradiert. Er hockt auf einem Sofa. Hinter ihm ein riesiger Wald aus Zimmerpflanzen (Bühne: Katrin Brack), vor ihm – mit der Rückwand zum Publikum – ein Fernseher. Links von ihm im Sessel seine Frau Linda (Carola Regnier), die schon weiß, warum sie kaum etwas sagt. Sobald sie den Mund aufmacht, brüllt ihr Mann: Unterbrich’ mich nicht.

Loman zappt durchs Programm. Unheimlicherweise wird am Premierenabend gerade live von der Insolvenz der taiwanesischen Elektronikfirma BenQ berichtet. Nur die Kommentare der von Entlassung bedrohten Angestellten sind zu hören. Sonst passiert nichts. Bis auf die Tatsache, dass Thomas Thieme eine intensive Trostlosigkeit verströmt, die sich langsam im Raum verteilt.

Das Wort ausgebrannt ist an diesem Abend in der Schaubühne wörtlich zu verstehen. Man sieht Thieme förmlich rauchen. Aus dem Pflanzenwald taucht der jüngere Sohn Happy (André Szymanski) auf, demonstrativ die Hand in der Unterhose, sagt, aha, Biene Maja und setzt sich zu Papa aufs Sofa. Eine quietschige Stimme im Fernsehen fragt, wo Maja sei. Sonst passiert nichts. In dieser routinierten Lieblosigkeit könnte es scheinbar ewig weitergehen. In Wahrheit warten alle nur auf Sohn Biff, Hoffnungsträger und Versager der Familie, der nach drei Monaten Abwesenheit wieder aufgekreuzt ist und sich windig um ein Vorstellungsgespräch drückt.

Kaum schleicht Bruno Cathomas, ebenfalls in weißer Rippunterwäsche, über die Bühne, geht die Familienverstrickungsbombe in die Luft: Der junge Bruder provoziert (na, was willste jetzt machen?), Papa Loman, der sich hier eigentlich Lohmann oder Lehmann schreiben müsste, brüllt: fettes Schwein. Mutter schreit Ruhe, die nach einem unübersichtlichen Handgemenge bald auch wieder eintritt und die vier eine Spur wunder und weniger apathisch zurücklässt, während ein Kinderindianer durch den Pflanzenhintergrund tollt – Erinnerung daran, dass hier alle noch fest mit den Träumen und Traumata der Vergangenheit verbunden sind.

In Arthur Millers Stück aus dem Jahr 1950 über das Scheitern des amerikanischen Traums schält sich der Konflikt um den von Arbeitslosigkeit bedrohten Willy und seinem immer arbeitslos gewesenen Sohn Biff im Stil des klassischen psychologischen Realismus langsam hervor. Bei Luk Perceval braucht sich das Drama praktischerweise nicht zu entwickeln, weil die nach Deutschland verlegte und mit einigen aktuellen Trash- und Fußball-Zitaten (Es gibt nur ein’ Biffy Loman!) angereicherte Hölle von Anfang an da ist. Psychologie hat sich fast erledigt, die kammerspielhafte Geschlossenheit hat Perceval deshalb zu Tableaus aufgeklappt, in denen alle meist in eine Richtung gucken (zum Fernseher) und Phasen der Erregung auf solche der Ratlosigkeit folgen.

Das Prinzip ist einfach, verfehlt aber seine Wirkung nicht. Auf eine schweißtreibende Prügelei zwischen Brüdern folgt eine herzzerreißende Szene zwischen Mutter und Söhnen, in der sie Respekt für ihren Vater einklagt, der sich, ohne Job, seiner Würde beraubt sieht. Auf eine tatsächlich unwürdige und viel Fleisch präsentierende Kopulationsszene, in der Willy sich an eine Geliebte erinnert, folgt ein berührender Blickwechsel der Scham zwischen Vater und Sohn. So arbeitet sich der Abend immer wieder neu durchs Grobe ans Feine heran.

Großartig ist Bruno Cathomas, der Biff zwischen beleidigter Leberwurst und hysterischer Kinderohnmacht hin und her taumeln lässt, bevor er in einem finalen Tollwutsanfall die Lebenslügen der ganzen Familie hervorwürgt. Thomas Thieme gibt Willy als kraftmeierischen Unsympath, der zum hilflosen, das Jackett glatt streichenden Jungen zusammenschrumpft, sobald sein widerlicher Jungchef einen schlechten Witz mit ihm macht. So sieht Existenzangst aus. Den Unfallselbstmord Willys, der seiner Familie die Prämie der Lebensversicherung bringen soll, hat Perceval gestrichen.

Bei ihm streckt sich Loman zum Sterben nur auf dem Sofa aus, während sich der Rest der Familie zum Foto hinter ihm versammelt. Dunkel. Jubel. Wer wissen will, wo wieder entlassen wird, schalte die Nachrichten an. Wer schon mal wissen will, wie sich Wertlosigkeit anfühlt, gehe in diese Inszenierung.

Wieder heute und vom 1. bis 3. und 12. bis 15. Oktober.

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