Kultur : Die Sofapiloten

Neue Malerei von Eberhard Havekost in Berlin

Daniel Völzke

Ein Meer vielleicht an einem grauen Tag: unten das dunkle Wasser, oben der hellere Himmel, dazwischen der Horizont als Ziel einer Sehnsucht. Oder doch etwas Abstraktes, eine Hommage an Mark Rothko mit zwei Farbfeldern, die sich berühren. Doch bei Eberhard Havekost, der zeitgleich in der Dresdner Galerie Gebrüder Lehmann und in ihrer neuen Berliner Dependance ausstellt, würde es rückwärtsgewandt wirken, gäbe er die Gegenständlichkeit ganz und gar auf. Der Maler kämpft doch mit ganz eigenen Fragen: Wie kann sich die Malerei gegen Medienbilder behaupten? Wie sich der alltäglichen Wahrnehmung annähern? Und so präsentiert er uns mit dem Bild „8 Meter: 2 x 3 cm“ keinen Blick aufs Meer, sondern das schwarze, glänzende Leder eines Sofas in Nahsicht. Erhabenheit ist eben nicht Havekosts Sache.

Der 1967 in Dresden geborene Künstler malt von eigenen und gefundenen Fotografien ab; banalste Ausschnitte aus dem Alltag präsentiert er als motivwürdig. Auf den Bildern verwandeln sich die Aufnahmen in poppige, flächige Malerei, die manchmal wie bei Gerhard Richter leicht verwischt, manchmal wie Fotonegative eine invertierte Welt vor Augen führt.

Auch Havekosts neue Bilder, die er unter dem Titel „Zensur 2“ ausstellt, wirken wie computergeneriert, glatt und makellos. Sie zeigen weitere Details des Ledersofas. Statt Erhabenheit also Gemütlichkeit? Von wegen, eine eisige Kühle durchfriert alle Gegenstände in der Havekost-Welt. Die Sofaansichten besitzen den Appeal einer Spurensicherung. Alle diese Arbeiten werfen Fragen nach dem Was, Wie und Warum unbeantwortet zurück: die Porträts von Piloten und Rennfahrern mit Helmen und spiegelnden Visieren, die Autowracks und Wohnwagen, die Details menschlicher Akte. Befremden auszulösen, darin liegt Havekosts Können.

Nach dem Boom gegenständlicher deutscher Malerei meint man alles schon gesehen und verstanden zu haben. Doch plötzlich ist es wieder vernehmbar, dieses kalte, metallische Rauschen, das entsteht, wenn der Künstler Alltag in Malerei überführt. Sind das wirklich wir und die uns umgebenden Dinge da auf den Bildern? Ja, so leben wir, so sehen wir die meiste Zeit. So ausschnitthaft und dumpf unbewusst, als unsere eigenen Zensoren. Leider. Daniel Völzke

Galerie Gebr. Lehmann, Lindenstr. 35; bis 29. März., Mo–Fr 10–18, Sa 11–14 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben