Kultur : Die Sonne, die sie verriet

HANS-JÖRG ROTHER

Die Sonne in einem Netz fangen zu wollen, ist ein ziemlich kindlicher Wunsch, aber betrachten kann man den Feuerball schon durch ein Fischernetz.Stefan Uhers Symbole streifen manchmal den Kitsch, trotzdem setzten seine Filme in den sechziger Jahren Signale für die Kinematographie der damals noch vereinten Tschechoslowakei.

Fajolo, ein junger Bursche, genießt mit seiner Freundin Bela die Rendezvous auf einem antennenbestückten Flachdach in Bratislava, doch glücklich ist er erst, als er ein altes Fischerpaar an der Donau fotografieren darf.Beim Ernteeinsatz dagegen, zu dem ihn der Vater aus erzieherischen Gründen schickt, fühlt sich Fajolo zu einer dunkelhaarigen Jana hingezogen, wenn er nicht gerade den Zornausbrüchen eines Landarbeiters gegen die Mißwirtschaft in der LPG lauscht.Marián Bielik, der meist mit Sonnenbrille agierende Hauptdarsteller, könnte der jüngere Bruder von Horst Buchholz aus "Die Halbstarken" sein.Beide spielen junge Männer, die das dumpfe Elternhaus mit seinen Tugendsprüchen satt haben, nur daß die Analyse Uhers auf positivem Boden stehen will.Noch war der Optimismus im Osten stark genug, die Widersprüche als bloße Übergangsschwierigkeiten anzusehen.

Die Kamera von Stanislaw Szomolányi, mit dem Uher auch später zusammenarbeitete, stattete die Schwarz-weiß-Bilder mit kühnen Metaphern aus.Ihr vor allem ist es zu verdanken, daß der Debütfilm "Sonne im Netz" aus dem Jahr 1962 trotz mancher verkrampfter Arrangements noch heute eine starke Wirkung hinterläßt.Mit dem Bild einer sich selbst bestimmten wollenden Jugend galt der Film seinerzeit als der Beginn der neuen tschechoslowakischen Welle.

Sechs Werke hat das Filmkunsthaus Babylon aus dem Oeuvre des 1930 geborenen, 1993 gestorbenen Altmeisters ausgewählt, der - nach Juraj Jakubisko - als der bedeutendste Filmemacher seines Landes angesehen wird.Uher versuchte, eine Bildsprache zu entwickeln, die poetisch und kritisch zugleich ist.Diese Quadratur des Kreises könne nicht gelingen, doch die Anstrengung hinterließ eindrucksvolle Fragmente.

Schon allein die Verbindung von Schwarz-weiß-Material und Cinemascope-Format lohnt heute die Besichtigung von Uhers zweiter Arbeit "Die Orgel".1964 verlangte es Mut, statt heldenhafter slowakischer Antifaschisten Mitläufer und Mittäter zu zeigen, wenn man auf die Vergangenheit der Slowakei als Verbündeter Hitler-Deutschlands zurückblickte.Wieder stellte Uher einen jungen Mann in den Mittelpunkt: Mitten im Krieg sucht ein polnischer Widerstandskämpfer auf der Flucht Unterschlupf in einem Kloster, wo man ihn aufnimmt, um ihn im Intrigenspiel der kleinstädtischen Repräsentanten zu benutzen.

Obwohl seine Arbeiten von offizieller Seite wegen ihrer unliebsamen Anspielungen oft attackiert wurden, erfuhr Uher nach dem Ende des Prager Frühlings keine Behinderungen.1971 entstand sein Antikriegsfilm "Wenn ich ein Gewehr hätte", 1986 adaptierte er die Biographie von Bozena Slanciková-Timrava, einer sozialkritischen Autorin des 19.Jahrhunderts, unter dem Titel "Der sechste Satz".Doch schon 1982 war die Lust am Verismus noch einmal durchgebrochen."Sie weidete Pferde auf Beton" zeigt die grotesken Anstrengungen einer Bäuerin, ihrer Tochter das eigene Schicksal zu ersparen und sie mit aller Macht zu verheiraten.Das Werk offenbart mit fast höhnischem Humor erneut den Widerspruch zwischen einer erstarrten Gesellschaft und den Lebensbedürfnissen junger Menschen - Uhers Grundthema.

Termine: Sonne im Netz (12./13.4.), Die Orgel (14./15.4.), Die wundertätige Jungfrau (16.4./17.4.), Sie weidete Pferde auf Beton (18.4./19.4.), Wenn ich ein Gewehr hätte (20.4.), Der sechste Satz (21.4.).

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