Kultur : Die Sonnenkönigin

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Rüdiger schaper gratuliert

Ariane Mnouchkine zum 65. Geburtstag

Es ist schon der Weg von der Endstation der Metro-Linie 1 am Château de Vincennes vorbei, der Weg hinaus zur Cartoucherie, der einen träumen macht, wenn man ihn lange nicht mehr gegangen ist. Man tauchte in eine fremd-vertraute Atmosphäre ein, es war einmalig und sehr französisch. Markttag, Wandertheater, ein Hauch von Militärischem lag in der Luft, die Prinzipalin-Generalin begrüßte die Zuschauer persönlich. Das wird auch heute noch so sein, da man Ariane Mnouchkine mit leisem Erschrecken aus der Ferne zum 65. Geburtstag gratuliert – der Theaterlegende. Das ist die Tochter eines Filmproduzenten wirklich.

Wie so manche Helden und Heldinnen ihrer Generation scheint die Gründerin des Théâtre du Soleil ein wenig aus der Zeit gefallen. Zwei Jahreszahlen standen am Beginn: 1968 und „1789“. Mit ihrem grandiosen Revolutionsspektakel stürmte die Mnouchkine-Truppe in die Theatergeschichte. „Mephisto“ (nach Klaus Manns Roman), der „Molière“-Film, „L’ age d’or“ – es war das Goldene Theaterzeitalter, nicht nur für das Sonnentheater. Ariane Mnouchkine vermählte Shakespeares Königsdramen und die antiken „Atriden“ mit der orientalischen Welt. Die Kostümpracht ihrer Klassikzyklen, die berauschenden Schlagwerk-Batterien des Jean-Jacques Lemêtre eröffneten globale Bühnen, als das Wort Globalisierung noch gänzlich unbekannt war. Fernost oder Nordafrika: Im Theater der Ariane Mnouchkine ging die Sonne nie unter, so weit war sein Horizont. Derzeit spielen sie in der Cartoucherie, der ehemaligen Pulverfabrik am Rande von Paris, das Flüchtlingsepos „Le dernier Caravansérail“. Im Juni werden sie – nach langer Zeit wieder einmal in Deutschland – auf der Ruhr-Triennale gastieren. Unvergessen die Auftritte in Berlin: Immer noch spürt man die galoppierende Erregung, mit der ein Schauspieler wie Georges Bigot, mit heiserer Stimme und Feuer im Hintern, als Shakespeare’scher Krieger über die vom klassischen japanischen Theater entliehenen Stege preschte. Ein Reiter. Schauspieler von heute bewegen sich wie in Airports.

Nicht die Bretter, aber die Welt hat sich bedeutend verändert. Wie viele Theaterbegeisterte sind mit Mnouchkine groß geworden und ein bisschen älter. „Ich muss abreisen heute Abend. Ich muss meinen Koffer nehmen, in dem nur Platz ist für den Mantel meiner Einsamkeit.“ So die gestrige Tageslosung des Théâtre du Soleil. Die Reise geht weiter.

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