Kultur : Die späten Hauptstädte

Überraschende Verwandschaft: „Berlin – Tokyo“ in einer großen Ausstellung der Nationalgalerie

Bernhard Schulz

Was kann man nicht aus der oberen Halle der Neuen Nationalgalerie für eine hübsche Spielwiese zaubern! Der japanische Architekt Toyo Ito hat eine graue Hügellandschaft hineingebastelt, über die der Besucher mal flacher, mal steiler steigt, um darin solche Merkwürdigkeiten zu entdecken wie jene berüchtigten Schließfächer für Menschen, die vornehm „Kapselhotel“ heißen und hier von Tsuyoshi Ozawa in den Boden eingelassen worden sind. Nicht alle Künstler mochten sich mit dieser fließenden Ausstellungsarchitektur anfreunden. Manfred Pernice bestand auf ebener Erde, Naofumi Maruyama auf geraden Stellwänden.

Das wird dem Klettervergnügen der Besucher keinen Abbruch tun. Überhaupt ist die Ausstellung „Berlin – Tokyo/Tokyo – Berlin. Die Kunst zweier Städte“ höchst einladend gestaltet, ungeachtet ihrer Größe, mit der sie den gesamten Mies-Bau füllt (und doch wenigstens eines Kabinetts entbehrt, in dem Mies van der Rohes tiefe Beziehung zur japanischen Architektur thematisiert wäre!).

Berlin-Tokio, das ist nun keine Städtekombination, auf die man so leichterhand käme wie auf Paris-Moskau oder Paris-New York, die aber – wie die Ausstellung belehrt – ungemein viel für sich hat. Beide Hauptstädte sind „Spätkommer“, Tokio als vormaliges Edo erst 1868 zum Kaisersitz ernannt, Berlin drei Jahre später. Vieles von der japanischen Modernisierung ist aus dem damaligen Preußen gekommen, nicht zuletzt das Wissenschaftswesen. Über die Künste waren wir, dem altbekannten Japonismus zum Trotz, bislang nicht vergleichbar gut informiert. So wartet die Ausstellung, wiewohl in ihrer chronologischen Ordnung auf den ersten Blick ein bisschen bieder, mit einer Fülle überraschender Einsichten auf.

Das beginnt mit der zauberhaften kleinen Gouache von Adolph Menzel von 1885 „Japanischer Maler (in der japanischen Ausstellung)“, die jedes Detail von Kimono und Fächer registriert. Max Slevogts Portrait „Sada Yakko“ von 1901 kommt dann betont japanisch daher, während umgekehrt Rinsaku Akamatsu im selben Jahr einen „Eisenbahnwagen bei Nacht“ in biederstem Naturalismus festhält. So verkehren sich die Seiten. Die Begeisterung der „Brücke“ für Japan ist bekannt, zumal Ernst Ludwig Kirchner die erotischen Holzschnitte liebte und daraus mannigfache Anregungen schöpfte. Erna (Schilling), seine Geliebte, als „Japanerin“ von 1913, ist eine geradezu prototypische Synthese.

Kunst kommt immer von Kunst, aber wie sehr sich die beiden fremden Ländern nahe kamen, zeigt die Zeit von Erstem Weltkrieg und Weimarer Republik. Herwarth Waldens Avantgarde-Galerie „Der Sturm“ konnte, vermittelt durch begeisterte japanische Gäste, in Tokio eine enorm folgenreiche Ausstellung zeigen. Franz Marcs „Drei Pferde“ von 1913 und Gyo Fumons „Reh und Sonnenstrahlen“ von1919 sind aus gleichem Geiste.

Dann kam Dada hier – mit der Zeitschrift „Dada“ –, Dada dort – mit dem Periodikum „Mavo“ – : kein Unterschied. Die Collagen eines Tomoo Wadachi – „Rätsel“, um 1922 – verdanken sich Hannah Höch, die von Masahisa Kawabe – „Arbeit A“, um 1925 – Kurt Schwitters. Und hätte man gedacht, dass selbst Georg Grosz’ beißende Satire – wie im „Walzertraum“ von 1921 – in Minoru Nakaharas „Geburt der Venus“ drei Jahre später eine unmittelbare Antwort fand?

Die zwanziger Jahre sind eine Zeit geglückten Austauschs. Dem neusachlichen Frauenbild, hier vertreten durch Christian Schads kühl-melancholische „Sonja“ von 1928, entspricht in Japan die „moderne Frau“, modan garu oder abgekürzt moga. Und doch ist es eine schlichte Reklame, der die Synthese am deutlichsten gelingt: Jupp Wiertz’ Plakat für „Kaloderma-Seife“ von 1927, dessen Protagonistin einen perfekten Japan-Schirm in Sonnenfarben hinter sich dreht.

Noch eine deutsche Ausstellung wirkte als Anreger: „Film und Foto“, die – wie erst jetzt der Forschung bekannt wurde – 1931 in Tokio und Osaka gastierte. Sie bot die Quintessenz des „neuen sehens“, das in Japan auf denkbar fruchtbaren Boden fiel. Bis heute sind die Beziehungen im Medium der Fotografie die vielleicht engsten, wie der Fortgang der Ausstellung zeigt.

Berührend, ja erschütternd ist das Kapitel der Nachkriegszeit. Die vollständige Niederlage Japans, die Zerstörung Tokios wurden in einer Weise thematisiert, die an die hier zu Recht gezeigten Horst Strempel oder Hans Grundig erinnert, also an den düsteren expressiven Realismus einer fortan eher östlichen Prägung. Einflüsse des Surrealismus kommen hinzu, etwa in dem absurden Körperhaufen „Besiegte“ von Ichiro Fukuzawa von 1948. Dann trennen sich die Wege, und die folgenden Anrisse zur westdeutschen Malerei – erst abstrakt bei Nay, dann figurativ bei Baselitz – wirken wie Pflichtübungen aus dem Kunstgeschichtsbuch.

Es ist, wie gesagt, die Fotografie, die beide Städte wieder zueinander führt. Inzwischen hatten sich die Gewichte völlig verschoben. „Im Vergleich zu dem flirrenden Lichtermeer Tokyos wirkt Berlin wie ein Ort aus einer anderen Zeit“, heißt ein Wandtext an dieser Stelle zutreffend. Es ist dieses Aus-der-Zeit-gefallen-sein, das Ryuji Miyamotos Ausblicke durch die zerborstenen Scheiben des „Palasts der Republik“ 2004 befeuert – dem Thomas Florschuetz, 1957 in der DDR geboren, aus einem ähnlichen Blickwinkel antwortet. Zum Glück räumt die Ausstellung der allfälligen Berlin-Nostalgie der Nachwende-Jahre nicht allzu viel Platz ein, sondern geht gleich zu den grellen Mangas – mit einer witzigen, begehbaren „Bibliotheks“-Installation des Ateliers Bow-Wow – über, die in den überdimensionalen Plastik-Blasebälgern von Yayoi Kutsama, „Dots Obsession“, eine biennaleartige Entsprechung finden.

Und dann ist der Besucher wieder oben in der Halle und kann nach Herzenslust herumklettern – und den Eindruck mitnehmen, dass der künstlerische Austausch von Berlin und Tokio ein fruchtbarer und ganz überwiegend geglückter war – und bleiben möge. Berlin gilt ja unter jungen Japanern derzeit als hot spot – dazu hätte man gerne mehr erfahren.

Neue Nationalgalerie, Kulturforum, Potsdamer Str. 50, bis 3. Oktober. Katalog bei Hatje-Cantz, 30 €, im Buchhandel 35 €.

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