Kultur : Die Spaßkultur lacht sich schlapp - Ein Berliner Symposium

Meike Matthes

Als der ambitionierte Kleinganove Arturo Ui erkannte, dass ein bisschen Weiterbildung seinem aufhaltsamen Aufstieg durchaus förderlich sein könnte, wandte er sich gleich an die richtige Adresse: Er engagierte den von Shakespeare besessenen Gossen-Tragöden Mahonney und liess sich von ihm Nachhilfeunterricht in Sachen Volksverführung erteilen. Auch auf der bundesrepublikanischen Politbühne wimmelt es von Selbstdarstellungskünstlern, die mit den Mitteln des Illusionstheaters ihren potentiellen Wählern den Kopf verdrehen. Und mögen diese dramaturgiebewussten Möllemänner auch von ehrenwerteren Motiven getrieben sein als Brechts mörderischer Möchtegern-Demagoge, so gibt ihr Übergriff auf die Scheinwerferkünste des Stadttheaters doch einigen Anlass zur Sorge: Werden die subventionierten Blendwerkstätten etwa vom hochdotierten, ungleich medienpräsenteren Politiktheater in den Schatten gestellt? Das ist eine der Fragen, die sich ein im Rahmen des Theatertreffens stattfindendes Symposium zum komplexen Verhältnis von "Politik Macht Theater" stellte.

Fachleute aus Politik, Medien und Kultur stritten dabei vor allem über die Rolle des Theaters in unserer "Inszenierungsrepublik": Wenn die Politik Theater macht, ist es dann nicht umso wichtiger, dass das Theater Politik macht? Im ersten, von der Bundeszentrale für politische Bildung initiierten und von Friedrich Dieckmann moderierten Gespräch im Spiegelzelt wurde zunächst das von Machtinteressen und Mediengesetzen geprägte "Staatstheater" unter die Lupe genommen. Die Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli und Thomas Meyer beschrieben einen schleichenden Systemwandel, der von der parlamentarischen in die repräsentative Demokratie führe. Die Herstellung von Politik werde dabei zunehmend ersetzt durch deren Darstellung. Politiker betätigten sich, mit Hilfe und unter Einfluss der allgegenwärtigen, kommerzgesteuerten Medien als ausgebuffte Wirkungsmechaniker, die nur noch an Fassaden bastelten, hinter denen dann die Inhalte verloren gingen.

Ein ehemaliger Repräsentations-Profi höchsten Ranges trat an, um dieses Übermass an kulturpessimistischer Theorie zurückzuholen auf den Teppich: Richard von Weizsäcker sprach zwar auch von einer "Berlusconisierung der Politik", merkte aber an, dass er das Selbstdarstellungstalent der meisten Politiker für äußerst bescheiden halte. Nicht nur deshalb sei er der Meinung, dass das Theater die Konkurrenz der Politik nicht zu fürchten brauche: "Das Theater ist eine hochernste Angelegenheit, eine lebensnotwendige Form, das Leben zu verstehen - ein hohes Ziel, das die Politik in der Regel verfehlt." Ein von Peter von Becker geleitetes Podiumsgespräch beschäftigte sich ausschliesslich mit dem Politdramatiker Shakespeare, dessen "Schlachten" den Höhepunkt des diesjährigen Theatertreffens darstellen. Das mit Bildungszitaten virtuos jonglierende Selbstinszenierungs-Genie Roger Willemsen fühlte sich dagegen berufen, das Ende der Aufklärung zu verkünden und dem "belehrenden, empormenschlichenden Theater" eine launige Grabrede zu halten: "Die Spasskultur lacht sich doch schlapp über diese Buffo-Figuren, die immer noch mit dem kategorischen Imperativ wedeln."

Marc Günther aber bestand darauf, eine solche anachronistische Spottfigur zu sein, die sich den Gesetzen des Medienzeitalters verweigere. Der Grazer Schauspieldirektor, der es sich an seinem Haus zur Aufgabe gemacht hat, das "überwiegend faschistoide Bewusstsein Österreichs" mit Regisseuren wie Thomas Bischoff, Kresnik oder Schlingensief zu konfrontieren, würdigte das Theater als "letzten Ort des Nichtkommerzes, wo öffentliche Standpunkte vertreten und reflektiert werden können."

An pathetischen, fast beschwörungsformelhaften Bekenntnissen zum aufklärerischen Theater herrschte auf diesem Symposium kein Mangel. Gerhard Jörder, Moderator eines Gesprächs zum Thema "Theater/Kultur für die Großstadt", stellte deshalb die Frage, ob diese "angestaubten Sonntagspredigten" nicht an der Realität vorbeizielten, in der sich ein zunehmendes Desinteresse am Theater breit mache, ein Bedeutungsverlust, den die Theater in ihrer "Bunkermentalität" aber nicht wahrnähmen. Die Diskussion, die sich eigentlich um Metropolenkultur und Hauptstadttheater, die "Staubsaugerfunktion" Berlins und die damit verbundene Gefährdung einer föderalen Theaterlandschaft drehen sollte, spitzte sich rasch zu auf die existentielle Krise des Theaters. Eine Krise, die der von der Kulturpolitik gebeutelte, von der Publikumsgunst nicht mehr allzu verwöhnte Thomas Langhoff, ein unverbesserlicher Romantiker, nicht erkennen kann: "Es gibt immer noch eine Sehnsucht nach dem vergänglichen Augenblick." Die Frage, warum dennoch neunzig Prozent der Bevölkerung Verona Feldbuschs Einzug ins "Big-Brother"-Haus bemerkenswerter finden als Shakespeares Rosenkriege, konnte auch bei dieser Gelegenheit nicht hinreichend geklärt werden.

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