Kultur : Die Sperrung der innerdeutschen Grenze begann schon vor Mauerbau

Robert Ide

Im Frühjahr 1984 hatte Ost-Berlins Oberbürgermeister Erhard Kraack genug vom grauen Betonwall. Gemeinsam mit dem Chef der DDR-Grenztruppen, Klaus-Dieter Baumgarten, plante er am Brandenburger Tor den Anbau von Grünpflanzen sowie die Errichtung einer "optisch reizvollen" Ziermauer aus dem "VEB Stuck- und Naturstein Berlin". Das kostspielige Projekt scheiterte jedoch. Bis zu ihrem Fall blieb die Mauer ein Symbol der deutschen Teilung und der fehlenden Legitimation des SED-Staates. Ein paar Blumenkästen änderten daran nichts.

Kuriose Vorfälle wie diese illustrieren ein faktenreiches Taschenbuch von Dietmar Schultke über die Geschichte der innerdeutschen Grenze. Der Autor, der seinen Wehrdienst bei den DDR-Grenztruppen ableistete, ist jedoch nicht auf Anekdoten aus. Detailliert beschreibt er die Abriegelung der deutsch-deutschen Trennlinie seit 1945 und ihre beständige Abdichtung bis zum Mauerfall. So erfährt der Leser, dass bereits in den ersten Wochen nach dem Kriegsende Trümmerhaufen die Berliner Sektorengrenzen markierten. Auch die von der DDR-Regierung am 26. Mai 1952 beschlossene Einrichtung einer fünf Kilometer breiten Sperrzone wird ausführlich dokumentiert. Parallel zur Rodung aller Bäume und der Schließung sämtlicher Gaststätten im Grenzgebiet wurden damals 11 000 dem Staat verdächtige Personen umgesiedelt.

Gegen die "Aktion Ungeziefer" regte sich allerdings heftiger Widerstand. Im thüringischen Streufdorf lieferten sich mit Mistgabeln und Äxten bewaffnete Einwohner Schlachten mit der Volkspolizei. Nach der 1961 erfolgten Abriegelung der Grenze durch 18 000 Betonsäulen und 150 Tonnen Stacheldrahtzaun kümmerte sich die SED um die Perfektionierung der Sperranlagen. Mit Selbstschussgeräten, Minen und 3000 Hunden sollten Arbeiter und Bauern davon abgehalten werden, ihren Staat zu verlassen.

Schultke schildert diese Maßnahmen in all ihren Fassetten. Er beleuchtet sowohl zukünftige Planungen für eine durch Mikrowellenschranken überwachte "Grenze 2000" als auch interne Befehle der SED-Führung zum Umgang mit "Republikflüchtlingen". Angesichts der Detailtreue wundert es, dass Schultke eine am 3. April 1989 erteilte Anweisung zur Aussetzung des Schießbefehls unterschlägt. Anlass der mündlichen Direktive waren internationale Proteste nach dem Mord an Chris Geoffroy, der kurz zuvor an der Berliner Mauer erschossen wurde.Dietmar Schultke: "Keiner kommt durch". Die Geschichte der innerdeutschen Grenze 1945 - 1990. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1999. 208 Seiten. 16,90 DM.

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