Kultur : Die Sphinx aus der Hasenheide

Neues für Gottfried-Benn-Bewunderer und alle, die es werden wollen: aufregende Tondokumente und leidenschaftliche Briefe

Gregor Dotzauer

Die ersten Minuten frisst der Schreck. Wie viel langsamer altern Texte als die Stimmen, die sie lesen. Wenn Gottfried Benn in einer Berliner Funkstunde von 1931 auf „Die neue literarische Saison“ schimpft, könnte sich sein Sarkasmus glatt auf die aktuelle Produktion beziehen, der Vortragsgestus aber befördert ihn auf Anhieb in eine längst vergangene Welt. Aus welchen Fernen Benns Stimme kommt, lässt sich in Jahren ausdrücken, in Frequenzgängen und Sprechgewohnheiten. In welche Nähe diese Ferne jedoch umschlägt, lässt sich mit Gewöhnung allein nicht erklären. Denn worüber muss man hinwegkommen, um Benn im Ohr zu haben, als würden seine Gedichte und Essays gar keine andere Stimme vertragen? Nicht so sehr über das Rauschen und Knistern, das den frühesten Rundfunkaufnahmen beigemengt ist. Es ist ein fremder deklamatorischer Zug, der den Rhythmus der eigenen Wortgespinste bis in den letzten Silbenwinkel auskostet. Eine zum sonoren Wohlklang hochgestemmte, tenorale Helligkeit, mit einem auf dem Höhepunkt der Satzmelodie einsetzenden Flackern, von der sich nicht ganz entscheiden lässt, was ihr märkisches Kolorit bewirkt und was ihre persönliche Manier. Benn sagt „Schlach“ statt Schlag und „Verlach“ statt Verlag und entwickelt eine hartnäckige Lust, Wörter auf der falschen Silbe zu betonen, mit einer im Lauf der Zeit höchstens heiserkeitsbeschädigten Stimme, die mal ein paar Halbtöne nach unten sackt, ansonsten ihre Strahlkraft aber bis ins Alter behält.

Auf einer einzigen CD im MP3-Format (von Computern und den meisten neueren CD-Playern lesbar) hat Zweitausendeins elf Stunden und neun Minuten Benn im Originalton versammelt. In jahrelanger Arbeit haben die Herausgeber „Das Hörwerk 1928 – 56“ zusammengetragen und in den Funkarchiven Schätze aufgespürt, die nicht einmal die Herausgeber der „Sämtlichen Werke“ bei Klett-Cotta kannten. Zum Beispiel hat die Diskussion über den „Schriftsteller und die Emigration“, die der kurzzeitig mit dem völkischen Gedanken der Nazis flirtende, in Deutschland gebliebene Benn 1950 mit dem 1933 nach England emigrierten Peter de Mendelssohn im SFB führte, erst über die Recherche des Frankfurter Verlags Eingang in die neue Ausgabe gefunden. Doch nichts ist spannender, als ihr zuzuhören: ein von Benns autobiografischem Rechtfertigungsbuch „Doppelleben“ ausgehendes Gipfeltreffen zweier Deutscher, die in ihrer Einschätzung der ersten Jahre des Nazi-Regimes nicht zueinander finden.

Auch hier ist Benn ganz der druckvolle Redner, als der er seine Texte rezitiert: bemüht, ja keine Formulierung zu verpatzen und jede Spontaneität an die Leine zu legen. Wie anders der frei extemporierende de Mendelssohn. Doch selbst das Verkopfteste bei Benn hat sich seinen Weg durchs Fleisch gebahnt und seine Räusche, um eine Form zu finden: die einzig mögliche, die notwendige, und das Wunder besteht darin, dass selbst Benns komplexeste (Prosa-)Texte beim reinen Hören nicht unverständlicher, sondern im fasslicher werden. Die CD und das mustergültige, den drei blauen Leinenbänden der ebenfalls bei Zweitausendeins vorliegenden „Gesammelten Werke“ nachempfundene Begleitbuch, entfalten ein chronologisches Porträt des Dichters. Quer durch die Genres zeigt es den Natur- und den Geisteswissenschaftler, den Snob und den Empfindsamen, den Nietzscheaner und den Bildungsprotz, den um Anerkennung ringenden Einsiedler und den alle Ich-Grenzen aufsprengenden, die Transzendenz in der menschheitlichen Ursuppe suchenden Vitalisten. Sie zeigt also alles – bis auf den privaten, zur Warmherzigkeit erstaunlich fähigen Benn, der Freundschaften und Liebschaften nur so an sich zog.

Ihn porträtiert der nun bei Wallstein erschienene Briefwechsel mit Thea Sternheim (1883 – 1971), der in zweiter Ehe mit dem Dramatiker Carl Sternheim verheirateten Schriftstellerin, einer engen Freundin von Klaus Mann. Im Gegensatz zu der vor drei Jahren im selben Verlag veröffentlichten Korrespondenz mit Benns letzter Freundin Ursula Ziebarth ist es kein in Zärtlichkeiten und Umgarnungen schwelgender Austausch. Die Briefe sind, ergänzt um Auszüge aus Thea Sternheims Tagebüchern und denen ihrer gleichfalls schreibenden Tochter Mopsa, das nicht weniger bewegende Dokument einer lebenslangen Freundschaft – einer Nähe, wie sie keine andere Frau in Benns Leben gehabt haben dürfte, gerade aus ihrer Affärenabstinenz und Pariser Schreibdistanz heraus.

Zu dieser Freundschaft gehörte Bewunderung für den Dichter wie offene Kritik am Menschen, besonders dessen politischer Haltung, über der sich eine lange Pause der 1917 aufgenommenen Beziehung ergab – und eine gedankliche Verbundenheit weit über Benns Tod hinaus. Zu einer Mutter und Tochter verwickelnden menage à trois wurde die Sache allerdings dadurch, dass sich Mopsa sehr wohl mit Benn einließ. Vermutlich gab er ihr wegen ihres ausgeprägt hysterischen Talents schnell wieder den Laufpass, sie jedoch empfand ihn noch Jahrzehnte später als ambivalente Passion ihres Lebens. „Ich habe so eine Totenangst vor dem Burschen, wo er doch so böse und dick und scheußlich ist“, heißt es einmal mit drei Ausrufezeichen. Mopsa nannte Benn „die Sphinx aus der Hasenheide“, denn in der Berliner Belle-Alliance-Straße hatte er seine erste Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, bevor er sich nach dem Krieg am Bayerischen Platz niederließ. Auch wer keine Zeile von Benn kennt, wird sich mit roten Ohren durch diesen Seelenkrimi aus drei Innen- und Außenperspektiven lesen – zu dem die CD übrigens in vieler Hinsicht die passende Ergänzung ist. Wenn Thea Sternheim von einer Diskussion zwischen Benn und Reinhold Schneider berichtet, bei der ein christlicher Schriftsteller namens Heinrich Böll dummes Zeug von sich gegeben haben soll – im Hörwerk wird man fündig.

Benns ebenfalls neu erschienene Korrespondenz mit Hans Paeschke und Joachim Moras, den Herausgebern der Zeitschrift „Merkur“, ist demgegenüber spannungslos, zählt aber dennoch zu einem der wichtigsten Briefwechsel des manischen Korrespondierers. Denn in ihm spiegelt sich die Rückkehr des allseits Geschmähten ins literarische Nachkriegsdeutschland. Der berühmte Brief vom 18.7.1948 illustriert Benns virtuoses Sichzieren vor dem Werben des „Merkur“: „Wenn man wie ich die letzten 15 Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in diese Öffentlichkeit einzudringen." Allein die 28 Vorstufen, in denen dieser Brief existiert, bevor ihn der „Merkur“ selbst dokumentierte, beweisen das Gegenteil.

Wo anfangen mit Benn? Die Antwort steht im gleichfalls vor wenigen Tagen erschienenen „Benn-Jahrbuch 2004“, in einem 1983 von Imke Gehl geführten Interview mit Benns dritter Frau, der Zahnärztin Ilse Kaul. „Er ist so unerhört monumental frisch“, sagt sie und erklärt, was ein guter Benn-Leser mitbringen muss, nämlich eine gewisse „Zerrissenheit, was heute die Leute als das Schizophrene bei Gottfried Benn bezeichnen. Ein Mensch, der das nicht hat, kann Gottfried Benns Bücher überhaupt nicht in die Hand nehmen.“ Folgt die Leseanleitung für Novizen: „Wenn Sie ,Gehirne’ gelesen haben, kennen Sie den ganzen Benn, denn das ist der Arzt, das sind seine Zweifel gegen die Medizin und seine Empfindlichkeit und dann plötzlich seine sonderbare Personalitätsverlorenheit, nachdem er sagt, er möchte jetzt Psychiater werden, und dann kann er das nicht aushalten. Er selber hat mir als Erstes das Prosastück ,Urgesicht’ in die Hand gegeben, weil ihm das sehr wichtig war. Dann gehört natürlich zu den Glanzstücken der späteren Prosa ,Block II, Zimmer 66’, eine ganz lyrische Prosa, wie die Menschen aufbrechen in der Kaserne in Landsberg, wie sie ankommen und dann antreten müssen, das muss man kennen, das muss man lesen.“ Sie konnte damals noch nicht wissen, dass es zumindest zur Lektüre der beiden letztgenannten Texte eine Alternative gibt. Selbstverständlich sind sie Teil des Hörwerks.

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